beat sterchi








Presse und Reaktionen:

"Nieder mit dem Drückebergerdeutsch!"
Besprechung von Fredi Lerch im Journal B.

"Das Mundartghetto ist gesprengt!"
Gespräch mit Alexander Sury in "Der Bund".

"Mundart ist demokratisch"
Interview mit Sabine Reber im WORK, der Zeitung der Gwerkschaft.  pdf

"Beim Sprechen  soll man nicht leiden"
Gespräch mit Franz Hugentobler in Schweiz am Sonntag, vom 27. November 2016


Eine Anekdote, die mich per Mail erreicht:

Lieber Herr Sterchi,

wir waren am Freitag an der Lesung von Ihnen und Guy Krneta. Ich fand Ihre Äusserungen betreffend des Schweizerdeutschen als eigenständige Sprache sehr interessant. Ich komme ursprünglich aus Deutschland und habe im Alter von 19/20 Jahren Schweizerdeutsch gelernt (bewusst, damals noch ohne Kurse, mit Kinderbüchern und "Fasnachtszedel" in Basel) und kann das nur unterstützen. Es ist wirklich eine andere Sprache.

In diesem Zusammenhang habe ich eine interessante Anekdote für Sie. Ich besuche im Moment als Hörerin eine Vorlesung an der Uni. Der Dozent bringt hin und wieder seinen Hund mit in die Vorlesung. Der Hund liegt während der eineinhalb Stunden Vorlesung in der Regel still in einer Ecke. Er stört den Dozenten nie während der Vorlesung, erst wenn es fertig ist. Auf die Frage, wie der Hund das denn merke, meinte er, dass der Hund sofort bemerkt, wenn er wieder Schweizerdeutsch spricht. Dann kommt er und weiss, dass die Vorlesung, die natürlich in Standarddeutsch gehalten wird, zu Ende ist.

Ich denke, dass das Ihre Theorie stützt! Ich fand es auf jeden Fall einen bemerkenswerten Zufall (das war am Montag nach der Lesung....).

Mit herzlichen Grüssen
Claudia Erismann







"Das Mundartghetto ist gesprengt»



Warum stehen wir nicht zu unserer Muttersprache? Beat Sterchi plädiert in seinem neuen Buch mit Nachdruck für ein anderes sprachliches Selbstbewusstsein.

Wann haben Sie die sprachliche «Zwangsjacke» zum letzten Mal beobachtet, die wir Deutsch¬schweizer uns angeblich anziehen?
Neulich an der Kasse in einem Laden. Weil sie auf Hochdeutsch angesprochen wurde, war die Verkäuferin von einer ¬Sekunde zur andern verunsichert.
Soll die Kassiererin sich nicht be¬mühen, Hochdeutsch zu sprechen?
Selbstverständlich gebietet die Höflichkeit, dass man in einer solchen Situation Standardsprache spricht. Aber es ist ¬traurig zu sehen, wie sich jemand klein macht, ein «Drückebergerdeutsch» hervorwürgt und nicht mehr viel sagt, weil ihm oder ihr ja eingebläut wurde, dass ihr Hochdeutsch mangelhaft sei. Mit einem gesunden sprachlichen Selbstbewusstsein ist einem beim Sprechen nicht unwohl. Das ist ja der Hauptgrund, warum ich das Buch geschrieben habe. Es ist ein Plädoyer für ein anderes sprachliches Selbst¬bewusstsein diesseits der Saane.
Hat Sie diese, wie Sie sagen, gestörte Sprachsituation lange begleitet?
Ja, seit ich als 20-Jähriger auswanderte und während zweier Jahrzehnte nur -selten in der Schweiz war. Als Autor habe ich darauf reagiert, indem ich mich weder vor Helvetismen noch vor Mundartwörtern fürchtete.
Warum haben Sie Ihr Buch nicht auf Berndeutsch geschrieben? Wäre das nicht konsequent gewesen?
Sicher, aber ich könnte das nicht, weil ich es nie gelernt habe. Wie für so viele, ist für mich meine Umgangssprache keine Schriftsprache. Schreiben lernen war mit Schriftdeutsch verbunden. Für meine Kollegen und Kolleginnen war das auch so, deshalb sind so viele mundartliche Prosatexte durchsetzt von hochdeutschen Strukturen. Es fehlt uns schlicht die Kultur, das heisst die Vorbilder und das Können. Aber dass ich es nicht kann, heisst nicht, dass es nicht möglich wäre.
Unsere «Bund»-Mundartkolumnisten sehen sich immer wieder Kritik aus der Leserschaft ausgesetzt: Entweder ist die Verschriftlichung zu lautmalerisch, oder dann sind die Redewendungen zu sehr Standarddeutsch...
...ja, die Sprachpolizei, die gibt es. Richtig oder falsch interessiert mich aber nur am Rand. Sicher ist, die Leute, die meinen zu wissen, was Berndeutsch ist oder wie man es schreibt, haben bestimmte Vorstellungen. Es gibt jedoch kein festgeschriebenes Berndeutsch. Sprache entwickelt sich permanent, und es ist absurd, diesen Sprachfluss an einem bestimmten Punkt festzuhalten und auf Jahre hinaus als verbindlich erklären zu wollen.
Ihre zentrale Aussage ist: Die ¬Mundart ist unsere Muttersprache. Das Schriftdeutsch, das wir lernen, ist unsere erste Fremdsprache. Die von der Sprachwissenschaft ¬benutzte Formel von der Muttersprache in zwei Ausformungen lehnen Sie ab. Warum?
Weil man nur fünf Schritte vor die Universität hinaus gehen muss, um zu hören, dass diese These von der Muttersprache in zwei Ausformungen nicht stimmen kann. Wenn man zuhört, wie ungern und unbeholfen die meisten Standarddeutsch sprechen, ist es absurd, ihnen zu unterstellen, das sei ihre Muttersprache.
Sie stören sich an Bundespräsidenten und deren bemühten Neujahrs¬ansprachen in Standarddeutsch oder an Doppelkommentaren in Mundart und Standardsprache im Fernsehen bei Fussballspielen und fragen sich: «Warum tun wir uns das an?» Sollen alle Mundart sprechen?
Sie sollen einfach so sprechen, dass ¬ihnen wohl ist dabei. Für den Rest gibt es heute hochprofessionelle Simultanübersetzungen und allerlei elektronische Hilfsmittel. Wir leben nicht mehr in den Zeiten der eidgenössischen Tag-satzungen, wo die Vertreter verschiedener Kantone sich Mühe geben mussten, dass alle einander verstanden. Heute kann man das alles richten. Es ist auch peinlich, wenn ein Schweizer Würdenträger in Berlin an der Pressekonferenz radebrechend hochdeutsch spricht. Die Persönlichkeit schmilzt bei gewissen Leuten wie ein Schneemann an der Sonne, wenn sie Hochsprache sprechen. Und dann wundert man sich, wenn dort der Eindruck entsteht, wir lebten hinter den sieben Bergen.
Hätten sie nicht vielmehr den ¬Eindruck, wir lebten hinter den Bergen, wenn ein Bundesrat in Berlin Mundart gesprochen hätte?
Nein, dann würden sie eben kapieren, dass er eine andere Sprache spricht und es Dolmetscher braucht. Viele Deutsche glauben ja irrtümlich, dass das helvetisch eingefärbte Hochdeutsch unsere Mundart ist. Es ist normal, dass Menschen authentischer wirken, wenn sie ihre eigentliche Sprache sprechen, und die ist für viele nun mal ihre Mundart.
Was Sie auch stört: Der Irrglauben, eine Veranstaltung gewinne automatisch an Seriosität und Niveau, wenn man sie in Standardsprache abhalte. Verallgemeinern Sie da nicht?
Auch hier: Keine Regel ohne Ausnahme. Aber wir alle wissen, dass der Gebrauch der Standardsprache zu Einschränkungen führen kann. In der wirklich eigenen Sprache lässt es sich leichter diskutieren.
Stichwort eigene Sprache: Auf den Deutschschweizer Bühnen werden selten zeitgenössische Stücke in Mundart gespielt. Ist das wirklich ein Manko, wie Sie behaupten? Es gibt dafür immerhin zahlreiche Laientheaterbühnen.
Wenn Gegenwartstheater mit dem Hier und dem Jetzt zu tun haben soll, ist es grotesk, wenn ein Stück, das auch sprachlich aus dem Hier und dem Jetzt entsteht, beim Theater von niemandem gelesen werden kann, weil dort niemand die eigentliche Sprache der Zuschauer spricht. Wenn Theater ein -Spiegel der Gesellschaft sein soll, dann gehört die Sprache dazu. Das Fehlen -dieser Stücke erspart uns den direkten Blick in den Spiegel. Es ist kein Wunder, dass das Publikum bei Inszenierungen von Christoph Marthaler, der viel Mundart verwendet, ganz anders und intensiver reagiert. Die wahrscheinlich rekordverdächtige Laientheater-Dichte im Land kann man auch als Kompensation dafür interpretieren, dass an den grossen Bühnen das Sprechtheater vor allem in einer Fremdsprache stattfindet.
Die Literaturfähigkeit der Mundart hat in den letzten Jahren in der Deutschschweiz allerdings massiv zugenommen. Da sind auch Sie eine treibende Kraft, allein oder ¬zusammen mit «Bern ist überall». Glauben Sie, dass diese ¬Mundartwelle von Dauer sein wird?
Ja, davon bin ich überzeugt. Es sind so viele Pflöcke eingeschlagen worden, da gibt es kein Zurück mehr. Es ist unübersehbar, dass die hiesige Textproduktion aus ihrer sprachpolitischen Erstarrung erwacht ist. Die Trennung zwischen Mundart und Standardsprache wird immer öfter gelöchert und durchbrochen. Es braucht eben Modelle und Vorbilder. Die Erfolge von Pedro Lenz oder Guy Krneta haben das Mundartghetto gesprengt und führen dazu, dass auch andere Autorinnen und Autoren versuchen, in ihrer Muttersprache zu schreiben. Dieser Trend ist aber nicht nur in der Schweiz zu beobachten, sondern im Spannungsfeld von Globalisierung und Regionalisierung auch in vielen anderen Ländern.
Sie haben sich, so schreiben Sie, emanzipiert von der sprachlichen Selbstbeschränkung, Mundart nur als Vorstufe einer Sprache zu sehen. 1983 erschien Ihr Roman «Blösch» mit vielen Helvetismen, aber doch in Standardsprache ¬geschrieben. ¬Würden Sie das Buch heute ¬nochmals so schreiben?
Ich würde beim Schreiben der Dialoge heute noch selbstbewusster auf berndeutsche Wendungen zurückgreifen. Es war 1983 bei der Veröffentlichung des ¬Romans für mich eine etwas eigenartige Situation. Ich habe das Buch in Kanada geschrieben und hatte mir die üblichen Zwangsjacken, in welchen man in der Schweiz damals schrieb, nicht übergezogen. Ich hatte auch gelernt, diese anerzogenen Minderwertigkeitsgefühle punkto Sprache zu überwinden. Und bei Besuchen hier in der Schweiz habe ich gestaunt, dass man sich in Diskussionen auf Hochdeutsch noch immer so verhielt wie im Schulunterricht. Als würde eine Gruppe von Sprachmärtyrern darauf warten, dass der Lehrer das Gesagte benotet. So gab es keine lebendigen Debatten, ich aber war damals streitlustig.
Fürchten Sie mit Ihren Positionen und Forderungen nicht den Beifall von der falschen politischen Seite und den Vorwurf, Sie würden ¬Abschottung und Isolation im «Mundartgärtli» befürworten?
Ja, Missverständnisse sind nicht zu vermeiden. Ich werde damit leben können. Ganz anders als gewisse Parteien sehe ich die Aufwertung der Muttersprache als ¬Basis im selbstbewussten Umgang mit ¬allen weiteren Sprachen. Zu wissen, meine Sprache ist auch eine Sprache, das hilft. Und nie im Leben würde ich von einer Kindergärtnerin aus Deutschland verlangen, dass sie mit den Kindern ¬Zürichdeutsch spricht. Alle Sprachen sind gleichwertig, und deshalb gilt es die vorhandenen Ressourcen sinnvoll zu ¬bewirtschaften.
Aber die Standardsprache als Schriftsprache stellen Sie nicht infrage?
Im Gegenteil. Die Aufwertung der eigenen Sprache führt auch dazu, dass man lustvoller oder wenigstens ungehemmter mit der Schrift- oder Hochsprache umgehen kann, weil man weiss, eine Sprache kann ich ja schon. Beharren würde ich lediglich darauf, dass man auch lernt, seine eigene Erstsprache zu lesen. Mit der Zunahme von alltagssprachlichen Texten ist das angebracht.
Sie konstatieren in Ihrem Buch auch eine diffuse Sehnsucht nach einer schweizerdeutschen
Schriftsprache. Würden Sie solche Bestrebungen begrüssen?
Ich finde es spannend, die Entwicklungen zu verfolgen, einfordern oder per Gesetz einführen kann man das nicht – siehe Romantsch Grischun. Aber dass das Sprachverhalten der Smartphone-Generation mit ihren alltagssprachlichen SMS Konsequenzen haben wird, scheint mir klar.
Sie regen sogar an, dass die Zweisprachigkeit in der Bundesverfassung verankert werde. Ihr Ernst?
Ich sage nur, dass die Zweisprachigkeit nicht drin steht. Unsere Sprache existiert offiziell nicht. Das ist dem Selbstbewusstsein nicht förderlich. Mit einer Erwähnung in der Bundesverfassung würde die Einschätzung meiner Sprachkompetenz aufgewertet werden. Ich liebe die deutsche Sprache, aber ich liebe auch mein Berndeutsch, weil ich weiss, dass das meine eigentliche Sprache ist. 

(Erstellt: 20.10.2016, 08:19 Uhr)








Tumm wie Schtrou

Tumm wie Schtrou
My Frou mi Frou
isch tumm wie Schtrou

Tümmer aus Lüthis Füdle
mi Ma mi Ma
isch tümmer aus Lüthis Füdle

Aber guet heimers zäme,
gäu?
Uhhh!
Ganz guet heimers zäme!
Tumm symer scho,
aber guet heimers zäme!

Ir Migros schpringe si uf!
Öpper chunnt is gäng ds Hiuf.
So tumm Lüt,
dene cha me doch häufe!

Dr Huuswart het's o gseit!
Die tümmschte Lüt wyt u breit,
u uf dr Gmeind heissi gmeint
die tümmschte Lüt,
wo's je het gäh!

U für ds Wetten dass,
hei si nis äxtra la cho!
So tumm Lüt chönns gar nid gäh!
Mi Ma u ig!
Di tümmschte zwöi!
Vor ganze Wäut!

Chrütztumm!
Soutumm!
Tumm wie nume öppis!
Tumm wie ne Chue!

Tumm wie Schtrou!
Tümmer aus Lüthis Füdle!

Aber Blueme het's gäh.
U ä ganzi Syte vou Biudli im Blick!

Tumm wie Schtrou
My Frou mi Frou
isch tum wie Schtrou

Tümmer aus Lüthis Füdle
mi Ma mi Ma
isch tümmer aus Lüthis Füdle

Aber guet heimers zäme
gäu?
Uhhh!
Ganz guet heimers zäme!

Aus: 


Soeben erschienen und im Handel erhältlich.
 




50 Pariser Sottisen aus dem Jahr 2009

Paris ist schön.
Der Eiffelturm
ist hoch.
Der Eiffelturm
ist schön.
Paris ist schön.
Paris ist gross.
Paris ist Paris.

und an der
Place Léon Blum
vor dem Bistrot
gleich beim Eingang
zur Metro
spielt sich einer
von Ton zu Ton
auf einem Akkordeon
die ganze Welt
geht hier vorbei
auch drei Damen
drei Herren
von der Polizei
und einer spielt sich
von Ton zu Ton
auf einem Akkordeon


und plötzlich
wieder
dieser Himmel
dieses Licht
das so besticht
ein schöneres
gibt es nicht


Bern
oh Bern
oh Bern
auch in Bern
ist man gern

aber Paris
aber Paris
Paris Paris
ist so fern
so fern
von Bern

Hier:  50 ausgewählte Pariser Sottisen als pdf


Kees van Dongen: Montmartre

Paris

In Paris werde ich besser schreiben können. Noch eine halbe Stunde, dann ist der Zug in Paris und ich werde besser schreiben können. Wäre ja noch schöner, wenn ich in Paris nicht besser schreiben könnte. In Paris werde ich viel besser schreiben können. In Paris haben schon immer alle viel besser schreiben können. Hemingway hat in Paris viel besser geschrieben als er vorher zu Hause im mittleren Westen geschrieben hat. In diesem Café an der Place Saint-Michel in Paris konnte Hemingway viel besser schreiben. Schon Gertrud Stein hat allen gezeigt, dass man in Paris viel besser schreiben kann. In Paris muss man nur tief einatmen, dann ist sofort klar, dasss man in Paris besser schreiben kann. Hemingway hat in dem Café an der Place Saint-Michel in Paris jeden Morgen eine Geschichte geschrieben. Ich werde mir in Paris auch ein Café suchen und jeden Tag besser schreiben. Ich werde dort eine Geschichte schreiben, die besser ist als alles, was ich je geschrieben habe. In Paris hat noch immer jeder besser geschrieben. George Orwell hat in Paris auch besser geschrieben. Auch Günter Grass hat in Paris besser geschrieben. Seit man unter einem Bett in einer Hinterhofwohnung ein Manuskript der Blechtrommel gefunden hat, weiss jeder, dass Günter Grass in Paris sehr gut hat schreiben können. Auch Herr Nizon hat in Paris besser geschrieben. In Paris kann jeder besser schreiben. Ich werde in Paris auch viel besser schreiben. In Paris schreibt man besser. In Paris wird besser geschrieben. Sogar Henry Miller hat in Paris besser geschrieben und Anais Nin hat nie wieder so gut geschrieben, wie sie in Paris geschrieben hat. Gerade auf Englisch konnten in Paris alle besser schreiben. Auf Chinesisch wurde das Beste ausnahmslos in Paris geschrieben. Und seit César Vallejo und Pablo Neruda in Paris geschrieben haben, kann in Paris auch jeder auf Spanisch besser schreiben. Herr Vargas Llosa hat in Paris viel besser als in Peru geschrieben. Was Herr Vargas Llosa während er vormittags bei einem Radiosender arbeitete, nachmittags und abends in Paris gschrieben hat, hätte Herr Vargas Llosa nirgends so gut schreiben können, wie er es in Paris geschrieben hat. So gut wie in Paris hat Herr Vargas Llosa nie mehr geschrieben. Gabriel García Márquez hat Hundert Jahre Einsamkeit nicht in Paris geschrieben, aber in Paris hätte er Hundert Jahre Einsamkeit noch viel besser geschrieben. Und Joseph Roth! Und Walter Benjamin! Und Tucholsky! Und Franz! Und Fritz! Und Sherwood Anderson! Und Faulkner! Faulkner liess sich in Paris nicht nur einen Bart wachsen! Faulkner hat in Paris und nach Paris auch noch besser geschrieben als vor Paris. Und der junge Diggelman, der in Paris über die Boulevards ging und seine Texte in einen Kassettenrekorder sprach, hat nie mehr so gut geschrieben wie in diesem Paris, wo schon diese Herren Sartre und Camus und all diese Damen mit all diesen schönen Namen besser geschrieben haben. In Paris brauchten sie nur durch die Strassen zu gehen und schon konnten sie alle besser schreiben. Ich werde in Paris auch viel besser schreiben. Immerhin hat Beckett Warten auf Godot in Paris geschrieben. Beckett hat in Paris sogar auf Französisch besser geschrieben. Dass Eugène Ionesco in Paris viel besser gschrieben hat als er vor Paris geschrieben hat, ist unbestritten. James Joyce hat in Paris bis zu seinem Tod immer noch besser geschrieben. Und wie viel besser hat Rainer Maria Rilke in Paris geschrieben! Keiner hat in Paris so viel besser wie Rainer Maria Rilke geschrieben. Kaum hatte sich Rainer Maria Rilke in Paris ein bisschen im Zoo herumgetrieben, hat er in Paris plötzlich den Panther geschrieben:

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille,
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch die Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Das hat Rainer Maria Rilke in Paris geschrieben. So etwas kann man nur in Paris schreiben! Ich werde in Paris auch viel, viel besser schreiben. In Paris hat noch jeder besser geschrieben.






Paris gibt es.
Und Gotthelf gibt es auch.



 










Hörspiel DRS 1
«Bitzius» von Beat Sterchi

jetzt hören

Er war ein Mann des Wortes und ein Kämpfer für soziale Gerechtigkeit: Pfarrer Albert Bitzius, der als Dichter Jeremias Gotthelf berühmt wurde. Die unbändige Macht seiner berndeutsch grundierten Sprache steht im Zentrum des Hörspiels von Beat Sterchi, das 2004 zu Gotthelfs 150. Todestag entstand.

Gotthelf ist für viele bis heute ein Denkmal geblieben. Ein Garant für die heile, bäuerliche Welt einer Schweiz im Stillstand. Dabei geht gern vergessen, dass Gotthelf zu Lebzeiten höchst umstritten war. Nicht nur literarisch, sondern vor allem in seiner bürgerlichen Existenz als Pfarrer Albert Bitzius. Da machte er sich durch sein soziales Engagement viele Feinde. Als Schulinspektor war Bitzius ab 1835 zehn Jahre lang zuständig für 18 Schulen im Emmental.

Er legte sich mit Lehrern, bildungsfernen Bauern und der Obrigkeit an, bis man ihn aus dem Amt jagte. In seinem Hörspiel montiert Beat Sterchi Auszüge aus Briefen, Reden, Artikeln und Predigten zu einem neuen, ebenso musikalischen wie vergnüglichen Gotthelf-Bild, das viele moderne Assoziationen weckt. Das Ergebnis «stellt Gotthelf nicht auf den Kopf, aber vielleicht neben dem Denkmal auf die eigenen Füsse» (Beat Sterchi).

Mit: Ueli Jäggi (Bitzius), Bettina Stucky (Frau Bitzius), Rahel Hubacher (Henriette, die ältere Tochter), Sonja Gertsch (Cécile, die jüngere Tochter), Marlise Fischer (Marie, die Halbschwester)

Regie: Charles Benoit, Produktion: SRF 2004. Dauer: 52'






















Mehr zu Bitzius








  Simon Bolívar  erwacht:

»Ich erwache alle hundert Jahre, wenn das Volk erwacht.«

Pablo Neruda: Canto a Bolívar/Gesang für Bolívar

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Zu beklagen ist der Tod eines Dichters:














Roberto Sosa (18 April, 1930 - 23 May, 2011)

DIE ARMEN

Der Armen sind viele
und darum
kann man sie nicht vergessen.

Bestimmt
sehen sie
wenn sie aufwachen im Morgendunst
jene Häuserreihen
die sie mit ihren Kindern
gerne bewohnen würden.

Den Sarg
eines Sternes
den könnten sie
auf ihren Schultern tragen.
Wie tobende Vögel
können sie Luft zerstören,
die Sonne vernebeln.

Aber diese Schätze verleugnend,
treten sie ein und aus
durch blutige Spiegel;
gehen immer weiter und sterben langsam

Darum
kann man sie nicht vergessen.



Deutsch: © Beat Sterchi



LOS POBRES

LOS pobres son muchos
y por eso
es imposible olvidarlos.

Seguramente
ven
en los amaneceres
multiples edificios
donde ellos
quisieren habitar con sus hijos.

Pueden
llevar en hombros
el féretero de una estrella.
Pueden
destruir el aire como aves furiosas,
nublar el sol.

Pero desconociendo sus tesoros
entran y salen por espejos de sangre;
caminan y mueren despacio.

Por eso
es imposible olvidarlos.








Aus aktuellem Anlass:



F I G U G E G L

(Fondue isch guet und gyt e guete Luun)


Was gyts Fondue?
Mache sy Fondue?
Gyts hie Fondue?
Itz aber nid Fondue?

Jö immer dä Chäs.
Immer nume Chäs.
Immer so viuu Chäs.
Immer nume Chäs.

Jö geng Fondue.
Immer Fondue.
Scho wyder Fondue.
Weyter itz Fondue?

Me seit nid Fóndue
Me seit Fondúe.
Seit me nid Fóndue?
Nei me seit Fondúe.

U när dr Chnoblouch.
Immer Chnoblouch.
När schtinksch nach Chnoblouch.
Immer schtinksch nach Chnoblouch.

Hesch nid gärn Fondu?
Mr hei gärn Fondue?
Het si nid gärn Fondue?
Ig ha gärn Fondue.

Tüät dir rüere?
Wär tuet rüere?
Öpper muess rüere.
Öpper muess gäng rüere.

Daisch aber es feins Fondue.
Gäu, das isch es feins Fondue.
Daisch de ganz es feins Fondue.
Daisch so nes feins Fondu.

Me seit nid Fóndue
Me seit Fondúe.
Seit me nid Fóndue?
Nei me seit Fondúe.

Chönnti no ds Brot?
Bitte no chly Brot.
Wettsch du no Brot?
Isch guet das Brot.

Daisch aber es feins Fondue.
Gäu, das isch es feins Fondue.
Daisch de ganz es feins Fondue.
Daisch so nes feins Fondu.

Isch es Moitié-Moitié?
Ja es isch Moitié-Moitié.
Mir mache o geng Moitié-Moitié.
Ig mache nume Moitié-Moitié.


Tüät dir rüere?
Wär tuet rüere?
Dir müsst rüere.
Dir müesst meh rüere.

Itz hesch es la gheie.
Hesch du das la geheie ?
Wär het das la geheie?
Das hanni la geheie.

No chly Mutschgetnuss ?
Wett öpper no Mutschgetnuss.
Ig nime nid viu Mutschgetnuss
Ig nimme ke Mutschgetnuss.


Aber Kirsch nimmsch scho?
Kirsch nimmsch nid o?
I ha dr Kirsch o gärn äso.
Ja, e chly Kirsch nimmeni o.

Muess das so si mit em Für?
Was isch mit em Für?
Isch öppis mit em Für?
Gäu du luegsch scho wägem Für.

Weisch du ä nöiä Witz?
Wär verzeut de itz e Witz?
Itz vrzeut me doch ä Witz.
Weiss niemer ä Witz?

Tüät dir rüere?
Wär tuet rüere?
Dir dörft nid höre rüere!
Dir müesst meh rüere.

Daisch aber es feins Fondue.
Gäu, das isch es feins Fondue.
Daisch de ganz es feins Fondue.
Disch so nes feins Fondu.


Me seit nid Fóndue
Me seit Fondúe.
Seit me nid Fóndue?
Nei me seit Fondúe.

© BPS 2010 
RIPRODUZIONE RISERVATA




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