beat sterchi

Warum ist Landschaft schön?

 

Von der Sehnsucht nach dem Paradies

 

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Warum empfinden wir Landschaft allgemein als etwas Schönes und wie unterscheiden wir in unserer Wahrnehmung eine sehr schöne Landschaft von einer weniger schönen?

 

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Wir sind unterwegs. Es ist ein herrlicher Tag. Wir gehen durch einen Wald. Wir fühlen uns sehr gut, sogar geborgen, Vögel zwitschern und trällern, wir sehen Bäume, Sträucher, vielleicht sogar Blüten und Blumen, es riecht frisch nach Moos und Farn, es ist eine Freude, tief ein- und auszuatmen. Während wir gehen, sehen wir oben über den Tannenspitzen vielleicht Bruchstücke eines blauen Himmels, aber sonst ist unsere Sicht beschränkt. Dann biegt sich der Weg, die Bäume lichten sich, wir kommen zum Rand des Waldes und stehen plötzlich vor einer weiten, aber in sich geschlossenen Welt. Über Äcker und Wiesen hinweg sehen wir auf einen Hof, auf eine sich davonschlängelnde Landstrasse, auf ein Dorf, vielleicht noch auf ein zweites Dorf mit einem Kirchturm, dann auf einen bewaldeten Hügel und auf eine weitere, leicht höhere Hügelkette und hinter dieser vielleicht sogar auf leuchtende, weisse Berge am Horizont und schon geht es uns freudig durch den Kopf: Wie schön!

Und natürlich ist es kein Zufall, dass sich gerade dort an diesem Waldrand eine Bank befindet. Setzen wir uns, um inne zu halten und uns zu fragen, was hier eigentlich schön ist, bemerken wir, dass es nicht unbedingt unser Kopf war, der die freudige Reaktion auslöste, sondern unsere Gefühle. Denn schauen wir genauer hin, ist nichts Ausserordentliches an diesen maschinengepflügten Äckern, die Wiesen sind vielleicht überdüngt und herbizidgeschädigt, der Hof hat möglicherweise  noch ein ausladendes Dach, aber sonst ist er ausgehöhlt, vielleicht sogar verunstaltet, das schön geschwungene Strässchen ist asphaltiert, wird fleissig befahren, womöglich wird dort sogar gerast und solche Hügel wie diese hier gibt es genau betrachtet zu Tausenden und was die beschneiten Berge betrifft, gibt es davon in den Alpen weit schönere und auch höhere. Und dennoch besteht kein Zweifel: Der Ausblick berührt uns, er ist schön!

Wir brauchen eigentlich auch nicht weiter darüber nachzudenken und können im vollen Bewusstsein, uns mitten in einer «schönen» Landschaft zu befinden, unsere Wanderung fortsetzen.

 

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Wollen wir es aber doch genauer wissen, werden wir uns eingestehen, dass wir diese «schöne» Landschaft schon als solche erkannten, bevor wir sie auf unserem Bänklein genau betrachtet haben. Solche Landschaften wissen wir problemlos einzuordnen. Und zwar aus dem einfachen Grund, dass uns schon so oft gezeigt, wenn nicht suggeriert worden ist, wie schön diese Art Landschaft doch eigentlich ist. Längst haben wir gelernt, unbewusst Äcker und Wiesen, Höfe und Dörfer, Strässchen, Wälder, Hügel, Berge und Himmel zu einem Bild zusammenzusetzen, das uns anspricht. Wir können sogar einen bestimmten Ausschnitt wählen und diesen vor unserem inneren Auge einrahmen und aufhängen, als wäre es ein Landschaftsbild von Giovanni Giacometti oder von Ferdinand Hodler in einem Museum. Das hat uns die Kunst, aber auch die Werbung vorgemacht und daran ist nichts Schlechtes, im Gegenteil, das ist das Wesen der Kultur. Weil unser Blick geschult und wir entsprechend kultiviert sind, wissen wir, was schön ist. Entstanden ist dieses Wissen selbstverständlich im Wechselspiel mit unseren Empfindungen. Bei den alten Meistern sehen wir, dass dies früher nicht anders war, denn deren Vorstellungen von schöner Landschaft sehen sich derart ähnlich, dass sich auf ihren Bildern so etwas wie eine Ideallandschaft zu erkennen gibt.

Zwar stand die Landschaft bis ins vorletzte Jahrhundert hinein kaum im Mittelpunkt der Kunst, vorhanden ist sie aber sehr wohl, wenn auch vor allem im Hintergrund von porträtierten Kaisern, Königen, Helden, Heiligen und Jungfrauen. Man sagt, dass sich die ganz grossen Meister diese Hintergründe von ihren Gehilfen haben malen lassen, während sie selbst sich auf das Wesentliche konzentrierten. Sollte dem so gewesen sein, kann man feststellen, dass auch die Gehilfen keine Stümper waren. In den oft poetisch und bis in das kleinste Details hingebungsvoll gemalten idealisierten Landschaften sehen wir genau, was man auch damals gerne sah und deshalb wohl nicht nur in ihren Abbildern, sondern in der Natur selber suchte.  

Es sind ziemlich genau jene Eigenschaften, die wir eigentlich mit dem Garten Eden in Verbindung bringen: Überschaubare Weite, harmonisches Gleichgewicht, Schönheit, Frieden und Fruchtbarkeit. Schroffe Eisgebirge mit bedrohlichen Gletschern und unbezwingbaren felsigen Gipfeln gehörten vorerst sicher nicht dazu. Vielmehr liebte man offensichtlich die sanften Hügel, wogende Kornfelder, üppige Weinberge, lichte, von jagdbarem Wild wimmelnde Wälder, friedliche Gewässer und natürlich romantische Schlösser und Burgen, deren Zufahrtswege dieses Paradies nicht selten mit sanften Schleifen durchziehen.

Eigentlich ist es dieser Blick auf Arkadien, der bis zur modernen Tourismusreklame die Bilderwelt in unseren Köpfen, was die Landschaft betrifft, kultiviert und prägt.

Auf den Einwand, man könne aber beispielsweise den Grand Canyon ebenso als überragende Landschaft bewundern, genau so wie den Freiburger Seebezirk,  das Emmental oder das Engadin, wäre zu entgegnen, dass es sich hier um einen Irrtum handelt. Der Grand Canyon ist bestimmt spektakulär, aber er ist keine Landschaft, er ist Wüste. Wirklich schöne, uns berührende Landschaften sind bewohnt und belebt, in der schönen Landschaft will man sich ansiedeln und sich heimisch machen wir im Paradies. Es ist auch genau deshalb, dass sie so schnell schrumpft und sogar verschwindet. Da wollen nämlich alle hin. Vielleicht will man die Wüste bestaunen, sicher will dort aber niemand sein Haus hin bauen.

Deshalb ist Landschaft dann besonders schön, wenn sie unserer ureigenen, aber auch unserer kultivierten Sehnsucht nach Heimat und Geborgenheit entspricht.

 

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Es wäre ja erstaunlich, wenn es zu der gestellten Frage keine theoretischen Abhandlungen gäbe. Es gibt sogar ein Buch und das heisst genau so: Warum ist Landschaft schön? Geschrieben hat es der Schweizer Sozialwissenschaftler Lucius Burckhardt (1925-2003), der sich als Begründer der Spaziergangswissenschaft oder der Promenadologie einen Namen gemacht hat. Natürlich darf man einer solchen Wissenschaft skeptisch begegnen, man darf sich sogar ein Lächeln erlauben, allerdings sollte man ihre Verdienste nicht unterschätzen. Wenn es nämlich um das Verplanen und Gestalten des Raumes geht, kommt dem verlangsamten und vertieften Blick des Fussgängers auf dieses leider sehr begrenzte Gut grosse Bedeutung zu. Die Wahrnehmung der Welt aus der Sicht des Spaziergängers oder der Spaziergängerin ist eine völlig andere als diejenige des oder der Fahrenden, die notgedrungen zeitlich und räumlich viel eingegrenzter ausfällt. Dank der Spaziergangswissenschaft, wurde unser Bewusstsein diesbezüglich zweifellos geschärft.

In Anlehnung an die berühmte Aussage des Dichters Johann Gottfried Seume «Vieles würde besser gehen, wenn man mehr ginge» lässt sich heute sagen: «Vieles würde anders aussehen, wenn die Politiker, die Planer und die Architekten, die es verbrochen haben, mehr zu Fuss gegangen wären».

 

© Beat Sterchi, 28. März 2017 


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Friedrich Dürrenmatt - Weltautor und Berner

„MEITSCHI,
WAS
IST DORT
DRÜBEN
LOS-
GEWESEN?“
ODER
„HOCH LEBE
DER FRIDU!“

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FRIEDRICH
DÜRRENMATT,
WELTAUTOR
UND
BERNER


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Er sei kein Kommunist, sondern Berner. Friedrich Dürrenmatt, Gross-Schriftsteller, Maler, Weltautor, geboren in Konolfingen im Emmental, Bürger von Guggisberg. Ich bin gerne Berner, sagt er an einer anderen Stelle. Und der Berner Friedrich Dürrenmatt liebte es, über das All und das Nichts zu reden. Auch über die Sterne, über die Verlorenheit des Menschen im Universum. In seinem Arbeitsraum gewährte er Besuchern und Gästen einen ehrfürchtigen Blick durchs Teleskop. Man kam von weit her, um ihm zuzuhören, um sein grenzenloses Wissen ebenso wie seinen endlos langen Schreibtisch zu bewundern. Friedrich Dürrenmatt kannte sich aus in den entferntesten, unbekanntesten Konstellationen. Seine Besucher erzählten und schrieben auch unermüdlich von dem grossen Dichter, der eigentlich kein Dichter sein wollte, der dieses Wort sogar hasste, der sich Stückeschreiber und Schriftsteller nannte, eigentlich aber ein Denker und ein eifriger Maler war, ein grosser Geist und unter den Sternen zu Hause. Jedoch nicht alle Dürrenmattschen Bilder und Gleich-nisse fielen vom Himmel. Manchmal inspirierte ihn die Milchstrasse, manchmal die Milchwirtschaft. Siehe Güllen, siehe Herkules und der Stall des Augias. Nennt er nicht Kühe beim Namen und hat eine Ahnung von der Mühe mit dem Mist? Später, viel später, genügt ihm in Durcheinandertal zum Bild sogar verschüttete Milch auf der Strasse. Von seinem Arbeitszimmer aus sah er die Sterne, doch betrachtete er die Alpen und ihre Vorberge, so vermochte er auch den Kirchturm von Guggisberg zu sehen, berichtet er. Ob es stimmt? Erwiesen ist: Friedrich Dürrenmatt sah weit hinaus ins All, tief hinein in die Geschichte unseres Planeten, aber den Kirchturm von Guggis-berg, den verlor er nie aus den Augen.



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Nur Schweine fressen alles



Gemälde: Chaim Soutine


Es ist noch nicht lange her, da setzten sich in einem Cafe zwei junge Frauen an meinen Nebentisch. Sie redeten über dies und das, über Diät und Gesundheit, schliesslich hielt eine der jungen Frauen voller Empörung folgenden Exkurs:


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Auf einem Hoger im Emmental




Das Emmental ist eine Hügellandschaft. Seine Erhebungen sind zahme Bergzüge. Es gibt Alpweiden, Eggen, Chäpfe, Chnubel und Hubel. Oder einfach Höger. Einer dieser unzähligen Höger war mein Ziel.
Ich bestieg einen Hoger auf der Grenze zwischen den Kantonen Bern und Luzern. Dort wo der Weg genau der Grenze entlang führte, ging ich also auch der Konfessionsgrenze entlang. Mit dem linken Schuh auf katholischem, mit dem rechten Schuh auf protestantischem Boden.

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1968 - 2008








Altachtundsechziger

Drei Porträts erschienen in MONETA der Zeitung für den alternativen Umgang mit Geld
 


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vom Reden reden











Randständiges

Notizen zum Spannungsverhältnis zwischen der Standardsprache Hochdeutsch und den deutschschweizer Dialekten.
Erschienen in TEXT+KRITIK , Zeitschrift für Literatur 
Sonderband: Literatur in der Schweiz

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Die Schweiz Land von Emigranten


Lewis Hine: Immigranten Ellis Island, New York, 1905











Pioniere, Söldner, Knechte, Zuckerbäcker.
Schweizer und Schweizerinnen als Emigranten.
Ein kleiner historischer Überblick von Beat Sterchi

Auf Spanisch erschienen in: Suiza y la migración. Una mirada desde España, imagine ediciónes, Madrid, 2004


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Alte Meister










Noch heute bewundere ich, wie mein Vater sein Handwerk zum Sinn seines Lebens machte. Ein Nachruf auf den Metzgerstand.
Erschienen in NZZ Folio 7/05

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Leben im Kern von Bern










Essay über die Berner Altstadt 2007 erschienen im Buch
 
BERN WEST  50 Jahre Hochausleben

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Der Volksschriftsteller

Schwind schwand verschwunden? 












Suchbilder zum Volksschriftsteller
von Beat Sterchi

Erschienen in
Passagen/Passages 42
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Der Hund als Held



Barry der Bernhardiner
Von Beat Sterchi

Erschienen in Passagen/Passages 

Nummer 32 Sommer 2002

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Die Freiburger Kuh














Essay über das erste Grounding eines Schweizerischen Nationalsymbols lange vor der Swissair.
Allerdings wird inzwischen vermutet, dass von Emmigranten ausgeführte Freiburger Rinder in Chile ziemlich reinrassig überlebt haben könnten. 

Erschienen in BCU info Freiburg
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Gotthelf: Ein Mann, ein Wort, eine Industrie.



Albert Bitzius im Gotthelfjahr 2004

Erschienen in "Der kleine Bund" SAMSTAG, 9. OKTOBER 2004

1. Gotthelfindustrie

Man mag es beklagen oder begrüssen: Die Gotthelfindustrie prosperiert. Gotthelf sells. Zweifellos haben dazu die Hörspiele in den Fünfzigerjahren eine solide Basis geschaffen. Wer die Radiozeit noch erlebt hat, erinnert sich. Die Filme haben diese Ausgangslage noch gestärkt. Man braucht nicht viel von Marketing zu verstehen, um in Gotthelf eine hervorragendes Label zu erkennen. Sicher befinden sich da einmal nicht die 20-30 Jährigen in der Hauptzielgruppe, aber für die gesetzteren Generationen signalisiert der Name „Gotthelf“ eine ganze Reihe von sehr geachteten Qualitäten. Und zwar so eindeutig und klar, dass nicht nur das Gewerbe - von Gastwirten bis zu den Produzenten von Käse, Würsten, Bretzeli und anderen Köstlichkeiten - gerne mit ihm wirbt und damit für Tradition, Bodenständigkeit, Ehrlichkeit, Echtheit und Naturverbundenheit zu bürgen hofft.




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Schund und Scheibenkleister


 



Versuch über das Authentische von Beat Sterchi

Manchmal stellt sich beim Lesen, beim Kennenlernen einer Figur oder einer Geschichte sofortiges Vertrauen ein: Was ich hier lese stimmt. Man weiss zwar nicht recht warum, doch man fühlt, spürt, versteht, dass dieser beschriebene Mensch so funktioniert, dass er dies oder jenes tut und tun muss. Man glaubt.
Natürlich gibt es auch die berühmte Willigkeit, darauf zu verzichten, das Gelesene nicht zu glauben. Suspension of disbelief, heisst der angelsächsische Fachausdruck. Dazu muss man aber zum vorneherein auf Grund grosser Bewunderung oder durch fundierten Respekt bereit sein. Die einen glauben deshalb ihrem bevorzugten Krimiautoren oder ihrer bevorzugten Abenteuerautorin vorbehaltlos jede noch so unwahrscheinliche Zufälligkeit, jede noch so haarsträubende Wendung in der Entfaltung einer schon von Anfang gesuchten oder erzwungenen Geschichte; andere stehen einem Shakespeare zu, zwecks Darstellung einer abstrakten oder höheren poetischen Realität, auch einmal eine Ungereimtheit betreffend Ort und Zeit oder Kontinuität stehen lassen zu dürfen.
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Wir und die Welt


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