beat sterchi
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Die Altstadt von Bern


Ich bin am Aarehang im Viktoriaspital geboren, an der Kramgasse aufgewachsen, habe auf der Plattform im Sandkasten Wasserburgen gebaut, bin an der Fricktreppe in den Kindergarten und in der Matte zur Schule gegangen. Ich habe im sogenannten „Bueber“ in der Aare schwimmen gelernt, ich habe an der Brunngasse Fussball gespielt, an der Junkerngasse immer einen Bogen um das Gespensterhaus gemacht, an der Kesslergasse mein erstes Bier getrunken und in verschiedenen Kellern anlässlich von Lesungen, Diskussionen und in Theaterstücken die Bekanntschaft einer für mich möglichen Kultur gemacht. Im schönen grossen Münster bin ich konformiert worden. Heute wohne ich an der Postgasse.

Beim Zytglogge hört die Anonymität auf und fängt die Welt der Altstadt erst so richtig an. Wer hier aufgewachsen ist, weiss, was es heisst, so zentral und doch so mitten im Grünen zu wohnen. Und wohlverstanden: Ununterbrochen umspühlt und belebt von einem schönen Fluss. Das Wasser der Aare stammt immerhin aus den höchsten und edelsten Wasserschlössern der Alpen und bevor wir es nach Deutschland und Holland weiterreichen, lassen wir es uns gerne gefallen, dass es uns zu Ehren hier noch eine Runde dreht. So sauber, kühl und klar wie es ist. Natürlich hat dieses Wasser zunehmend auch seine Launen, wird es doch auch schändlich gestaut und gegängelt. Wer sich diesem Wasser aber an einem heissen Sommertag anvertraut, um sich vielleicht sogar auf dem Rücken schwimmend unter den Brücken und diesen weit von den Ufern herausgreifenden Bäumen hindurch um die ganze Altstadt herumtragen zu lassen, macht die Bekanntschaft einer ganz besonderen und allerobersten Kategorie von urbaner Lebensqualität. Vergleichbar höchstens mit einem Spaziergang durch die Kramgasse nach Mitternacht. Schon Goethe und andere haben bekanntlich erkannt, was diese Gasse zu bieten hat und in höchsten Tönen davon geschwärmt. Nicht einmal zuckt hier der sonst so vorsicht gewordene Blick beleidigt zurück. Hier darf er getrost auch einmal unbekümmert wandern. Braucht sich weder vor bunten Aufdringlichkeiten noch vor architektonischen und städteplanerischen Scheusslichketen zu hüten. Wohin er auch fällt, die Welt der Gasse hat Form und ein menschlich Mass und zeigt, wie durchgestaltet der sogenannt öffentliche Raum einst war. Schon allein die Brunnen sind eine Reise wert. Wobei Berns allerschönster und sinnreichster Brunnen allerdings der Gerechtigkeitsbrunnen ist und der steht gerechter- und richtigerweise an der Gerechtigkeitsgasse.

Die Altstadt ist auch Bühne und Kulisse. Die Altstadt ist der Tummelplatz für Touristen und die Altstadt ist der Porzelanladen, in welchem sich an Wochenenden jugendliche Ausgänger aus Nah und Fern gerne aufführen wie Elefanten. Die Altstadt ist ein Dorf und ein Marktplatz, ein Parkhaus und Teil der Paradestrecke für Umzüge, Wettläufe, Rennen, Feiern, Feste, Demonstrationen. Die Altstadt ist ein Fitnessparcours. Die Altstadt ist eine einzige grosse Gallerie. Die Altstadt ist in ihren vornehmeren Teilen das Biotop für Neureiche und für Ganzreiche. In der Altstadt halten sich die meisten der letzten richtigen Beizen, Cafés und Kneipen. Die Altstadt ist das Ziel der Verliebten. Die Altstadt ist der Kern von Bern.

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