beat sterchi

Das Stimmlokal



Bekanntlich steht immer wieder ein grosses Abstimmungswochenende bevor. Allen Stimmberechtigten bietet sich also wieder einmal eine Gelegenheit, ein echtes Stimmlokal zu besichtigen. Wer dies schon lange nicht mehr getan hat, dem sei ein Besuch wärmstens empfohlen.
Auch wer in seinem ganzen Leben noch nie ein Stimmlokal von innen gesehen hat, sollte diese Gelegenheit nützen, denn das Stimmlokal gehört zu jenen öffentlichen Räumen, die im Begriff sind langsam aber sicher zu verschwinden. Wenn auch nicht die Stimmabgabe an sich, so nimmt doch die Beliebtheit der brieflichen Stimmabgabe in einem Tempo zu, dass die Tage des traditionellen Urnengangs leider gezählt sind.
Das richtige Betreten des Stimmlokals muss natürlich geübt werden. Man verhält sich möglichst normal, wenn auch geschärfte Aufmerksamkeit verlangt wird. Oft geht es zurück in ein Schulhaus, oft sogar in ein Klassenzimmer, in welchem der Abstimmer oder die Abstimmerinnen als Kinder selbst gesessen haben. Wenn die Beschilderungen nicht als solche erkannt werden, kann man sich verirren. In den leeren, weitläufigen Gängen kann nicht damit gerechnet werden, dass Stimmen, Geräusche, Gelächter den genauen Standort des Stimmlokals verraten. Wer lange Schlangen erwartet, sogar ungeduldige Menschen, die um möglichst baldigen Zugang streiten und kämpfen wie Fussball- oder Muisikfans vor einem ausverkauften Stadion irrt. Wer im Stimmlokal selbst Stimmung erwartet irrt ebenso. Ein Abstimmungswochenende ist kein volkssportlicher Grossanlass. Die Freude über den Besitz weltweit einzigartiger Volksrechte hält sich schon länger in Grenzen.
Zu erwarten sind vielmehr zu einem Halbkreis zusammengeschobene Pulte. In einer Ecke vielleicht ein paar aufgestapelte Stühle und Schulbänke. Dann hinter den Urnen sitzend, die dazu verknurrten Mitglieder des Stimmausschusses, wovon ein Mitglied leicht als der Chef oder die Chefin erkannt werden kann.
Es wird zwar gelächelt, wohlwollend sogar, aber es ist offensichtlich: Im Stimmlokal sind die Stunden besonders lang, die Gespräche verlaufen harzig.
Mitstimmer und Mitstimmerinnen werden angemessen distanziert gegrüsst, es ist nicht nur vorsichtiges, sondern auch neutrales Verhalten angesagt. Die Abstimmer und die Abstimmerinnen lassen sich nicht am Gesicht anmerken, was auf ihren zusammengefalteten Zetteln steht.
Wenn der Souverän, die eigentliche letzte Instanz im Staat abstimmt, dann entscheidet er immerhin, wo es lang geht in unserem Land. Und wer nicht zur Mehrheit gehört, kann mithelfen die Grösse seiner Minderheit zu manifestieren. Immerhin.
Auch das ein grosses Zeichen und keine kleine Sache.
Auch für nicht Stimmberechtigte lohnt sich übrigens ein Besuch. Stimmlokale haben atmosphärisch Unverwechselbares und gesellschaftlich Aufschlussreiches zu bieten.




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