beat sterchi

Der Schulweg

Natürlich ist auch der Schulweg ein Studienobjekt. Bei einer diesbezüglichen Befragung vor 10 Jahren im Ruhrgebiet kannten ihn allerdings schon ein Drittel der befragten 690 Kinder nicht mehr. Sie wurden im Auto zur Schule chauffiert. Heute dürften es mehr sein. Was zu bedauern ist.

Im Heilsplan der emsigen Bildungspolitiker spielt der Schulweg in der Regel aber keine Rolle, obschon immer wieder Stimmen zu hören sind, die behaupten, auf dem Schulweg mehr für’s Leben gelernt zu haben, als in der Schule selbst.


Fest steht, dass die Kinder, Mädchen oder Knaben, wenn sie auf dem Schulweg allein über eine Strasse gehen, schon viel gelernt haben müssen über den Umgang mit ihrer Lebensrealität. Sie haben schon gelernt auch auf dem Fussgängerstreifen nach links und nach rechts zu gucken und bestimmt ist ihnen auch schon wiederholt ans Herz gelegt worden, ja keine Risiken einzugehen. Man rennt nicht über die Strasse! Hast Du verstanden? Was hat die Mutter gesagt? Auf der Strasse wird nicht gerannt. Genau! Beim Überqueren der Strasse heisst es aufpassen. Dass Du immer, immer daran denkst! Versprichst Du mir das?


Fest steht auch, dass die Kinder beim Gucken nach links und nach rechts, nicht ausschliesslich die Autos im Auge haben, obwohl ihnen das eine vielleicht der Farbe wegen oder das andere auf Grund seiner Form oder Grösse auffällt und sie ihm eine Sekunde lang ihre staunende Beachtung schenken. Vielleicht ist es auch nur eine halbe Sekunde, denn es gibt viel zu sehen, viel zu bedenken. Aber wer weiss schon, was in einem solchen Moment einem Kind auf dem Weg zur Schule am Rande einer besonders morgens heftig befahrenen Strasse durch den Kopf geht?


Noch bevor die Schülerin an die bevorstehende Prüfung, an das gefürchtete Diktat oder an die ungeliebte Turnstunde denkt, fragt sie sich dort am Strassenrand möglicherweise, wo ihre Freundinnen bleiben. Wollten wir uns nicht um zehn nach Sieben hier an der Kreuzung treffen? Haben sie vielleicht doch den Bus genommen?


Und der Junge? Hat er nicht in der rechten Hosentasche einen neuen spektakulären Besitz, den er noch vor Schulbeginn unbedingt seinen Weggefährten vorführen will? Hat er nicht im Schulsack ein Asterixheft oder eine Hipp-Hopp-CD oder sonst ein Tauschobjekt, das es an den Mann zu bringen gilt? Und gilt es nicht noch unbedingt die wichtigsten Fussballresultate zu besprechen?


Könnte es aber sein, dass das Mädchen am Strassenrand gerade heute von ihren Freundinnen im Stich gelassen wird? Könnte es sein, dass der Junge gerade heute seine Kumpels nicht trifft? Könnte es sein, dass sich beide Kinder so früh am morgen schon schrecklich ärgern, dass das Mädchen vielleicht sogar eine Träne oder zwei vergiesst und dass der Junge einen Fluch ausstösst und missmutig gegen eine auf dem Trottoir herumliegende leere Dose tritt? Könnte es aber auch sein, dass das Mädchen und der Junge gerade heute den Schulweg zum ersten Mal gemeinsam unter die Füsse nehmen und zum ersten Mal allein miteinander sprechen und sich einen Umgang ertasten?


Das Gespräch verläuft möglicherweise harzig und grundfalsch, ist überhaupt so schwierig, dass es beiden wechselseitig peinlich wird. Vielleicht überstrahlt gerade dieses Gespräch aber trotzdem den ganzen Tag. Vielleicht ist gerade diese neue Erfahrung an Bedeutung den Herausforderungen der Schule ebenbürtig. Und wer weiss, ob den beiden der oft als zu lang beklagte Schulweg nicht schon in den nächsten Tagen plötzlich allzu kurz vorkommen wird?

Die eben lebhaft gewordene Diskussion, der kleine Klatsch oder die Klage über den unverständigen Vater muss dann über den Gartenzaun hinweg oder direkt vor der Haustür zu Ende geführt werden.

Es ist nicht auszuschliessen, dass den beiden bewusst wird, was so ein Weg wert sein kann.


So oder so ist die Vermutung, dass Kinder weder in der Schule noch zuhause erwachsen werden, sondern dazwischen, auf dem Schulweg, nicht einfach von der Hand zu weisen. Erwachsene, die nicht wirklich erwachsen sind oder die Schwierigkeiten haben, es zu werden, hatten möglicherweise keinen Schulweg.


Auf dem Schulweg sind die Kinder nämlich plötzlich Herr ihrer Zeit, übernehmen Verantwortung und machen ihre ersten, unbegleiteten, ungeschützten und deshalb wirklich eigenen Erfahrungen. Wer einen langen Schulweg hat, hat viel zu erzählen und auch viel zu verschweigen. Auf dem Schulweg verbrachte Zeit ist selbst eingeteilte Zeit. Die Entscheidung, länger zu quatschen oder länger vor einer Schaufensterauslage stehen zu bleiben, muss hier selbst getroffen und verantwortet werden.


Auf dem Schulweg muss ausprobiert werden, zu welchem Grad die elterlichen Erwartungen ans eigene Verhalten umgesetzt werden können und müssen. Schulwege sind nicht nur kleine Wanderungen, Schulwege können richtige kleine Reisen sein, denn der Schulweg ist die unüberwachte Lücke im Erziehungssystem, das rund um die Kinder aufgebaut wird. Der Schulweg bietet Freiheit, aber auch mit dieser Freiheit muss der Umgang geübt und ihre Grenzen erfahren werden.


Tritt auf einer Strasse ein Mann in weisser oder blauer Berufsschürze erbost um sich blickend vor seinen Laden, kann es sich durchaus um das Opfer eines, beim Ausloten dieser Freiheit verübten Streiches handeln. Rennt gerade noch eine Schar Kinder mit klappernden Schulranzen um die nächste Strassenecke davon, lässt sich dieser Verdacht erhärten. Hier wurde jemand zum Narren gehalten, gefoppt, übertölpelt, aber ein paar Kinder sind um eine Erfahrung und um eine eigene Geschichte reicher und deshalb auf dem Schulweg wiederum ein klein klein wenig erwachsener geworden.


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