beat sterchi

Hochwasser in Bern

Es gilt auch für die Aare, niemand steigt zweimal in den selben Fluss. Dennoch: Wir kennen sie. Wir schätzen sie. Wir brauchen sie. Wir lieben sie.
Wir schätzen ihr unermüdliches Treiben, wir schätzen sie als Liferant von Strom, als Garant von Fruchtbarkeit, als Garant von Freizeitvergnügungen verschiedenster Art.
Wir kennen ihre Farben, wir kennen ihr sonst so braves, manchmal sogar betuliches Fliessen in der Elefenau oder im Eichholz. Wir wissen, wie sie nach den Bergen und nach Schnee riechen kann. Wir kennen auch ihr Schieben, Wälzen, Drängen und Rauschen an den Schwellen, ihr Sprudeln und Schäumen bei der Fischleiter im Schwellenmätteli, ihr Dröhnen und Tosen bei der Stauwehr. Und haben wir nicht alle schon zugeschaut, wie die Bagger ihre Reisszähne in ihr Kiss versenken und wie die Fischer fette Forellen und glänzende Äsche aus ihr ziehen? Sind wir nicht stolz, dass sie, unser Fluss, nicht nur schön, sondern auch noch sauber ist?
Die Aare kennen wir.
Auch eilig hat sie es schon oft gehabt.
Aber jetzt diese, eines zivilisierten Gewässers unwürdige Wichtigtuerei! Diese kaltschnäuzige Arroganz. Dieses unbernische Überborden, diese unbernische Masslosigkeit! Als würden wir uns nicht mehr kennen rast sie in unbernischem Tempo unter den Brücken durch und weg! Mehlsuppenbraun und so aufgekratzt, die stolzen Schwäne sind längst verschwunden und kaum eine Ente mag sich mehr auf ihre Wasseroberfläche platschen lassen. Respektlos patscht sie überall rein, wo sie nichts zu suchen hat, macht sich breit in der Enge der Matte, bläht sich auf, wo sie sonst brav, korrigiert, eingedämmt und reguliert kurz vorbeischaute, höchstens gurgelnd, als murmle sie Grüsse.
Nicht dass wir nicht gewusst hätten, dass sie es in sich haben kann. Wie vielen Kindern hat sie schon unwiederbringlich die Bälle fortgetragen? Dass sie, bei Unachtsamkeit sogar grössere Opfer fordern kann, wissen in Bern alle. Und bei jenen Generationen, die noch im Marzili zum Schulbaden antanzen mussten, wo sie bei barbarischen frühsommerlichen Wassertemperaturen von 15° und weniger in den „Löifu“ gumpen mussten, hat sie sich nicht nur beliebt gemacht. Verflucht haben wir sie, jedoch nur, um uns schon wenige Wochen später überall jauchzend in ihre erfrischenden Fluten zu werfen.
Und jetzt das!
Aber es braucht nur ein paar heisse Sommertage, die beinahe alle Berner ins Marzili und von dort hinauf ins Eichholz treibt. Und schon wissen wir wieder, was wir an dieser Aare haben, die uns alle umschlingt, umarmt, abkühlt und erfreut. Dann werden werden wir uns in ihrem glasklaren Wasser wieder auf den Rücken legen, werden dem auf dem Grund wieder harmlos gewordenen Kiesgeschiebe lauschen und ihr verzeihen.



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