beat sterchi

Wien, 18. Januar  2018 – 23. Januar 2018

 

Wiener Ampel


1

             

Bin im Zug.

Es geht endlich wieder mal nach Wien.

Von Zürich bis Buchs leider rückwärts.

Rückwärts nach Wien!

Die Zürcher Goldküste ist grau.

Der See ist grau.

Der Himmel ist grau.

Im Toggenburg hängen die Wolken tief, sehen aus wie aus der Erde hervorquellender Rauch.

Darüber leuchten die Spitzen der weissen Berge.

Ich esse rückwärts ein Käsebrot und bekomme dazu einen kleinen Cappuccino.

Als ich dem durch den Zug schwankenden Kellner die leere Tasse reiche, fragte er:

Hat’s gepasst?

Leicht überrascht bedanke ich mich und sage:

Hat gepasst!

Eine Gruppe von jungen Männern führt dann direkt im Zugwaggon so etwas wie eine Jahresversammlung durch. Ein Präsident steht im Mittelgang und geht durch die Traktanden. Es gibt auch einen Kassier und es gibt Fragen. Wer hat die Zimmereinteilung vorgenommen? Einmal ist von einem Transparent im Gepäck die Rede, das zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgerollt werden muss. Man fährt als Fanclub nach Kitzbühel zum Hahnenkamm-Rennen. Auf dem Programm, das vorgestellt wird, steht auch mehrmals «Lampe füllen».

Wegen Lawinengefahr steigen wir in Bludenz in wartende Busse um.

Die Reise nach Wien wird zur Klassenfahrt mit Unterbruch!

Im Bus geht es bis Landeck.

Hatte keine Ahnung, wie weit das ist.

Ich lese den Roman «Radetzkymarsch» von Joseph Roth und werde durstig.

Wo bleibt der Kellner?

Next: Öztal 14:10 Uhr.

Öztal mit leichten Aufhellungen.

Dann Traunstein.

Die Gegend wird flacher, ich bemerke Einzelhöfe und mache kleine Skizzen von Kirchtürmen. Einer mit Zwiebeldach. Es geht klar gegen Osten.

Und der Durst wird grösser!

In Salzburg setzt sich eine Dame mit sehr schönen, rötlichen Haaren auf den Sitz vor mir. Bis Wien sehe ich über der Lehne ihre hochgesteckte Frisur, die an die Modelle von Schiele erinnert.

Schiele habe ich mir vor der Abfahrt genau angeschaut.

Klimt auch!

Und von Arthur Schnitzler habe ich ein halbes Dutzend traurige Geschichten gelesen.

Aber mein unmittelbarer Reiseanlass ist eine Ausstellung zu Ehren von Ferdinand Hodler.

Noch im Zug notiere ich vorsorglich den Namen meines Hotels von dem Bestätigungsmail in mein Notizbuch:

Cordial Theater Hotel

Josefstädter Strasse 22

U-Bahn Karlsplatz/Rathaus.

 

2

 

In der U1 fällt mir auf, dass ein Hund einen Maulkorb trägt. Auch eine junge Dame mit einem breiten, schönen Mund, fällt mir auf. Ich sehe, wie sie ihren Kopf auf die Schulter ihres Begleiters legt. Und ich sehe, wie ein bei der Tür stehender Mann mit Schiebermütze zwischen den Stationen die Augen schliesst. Und während ich mich über den Drang wundere, dies festzuhalten, frage ich mich, ob das daran liegt, dass ich jetzt in einem dieser Wiener Cafés sitze, wo all die grossen und kleinen Schnitzlers ihre Geschichten aufgeschrieben haben sollen.

Schon steht der Ober da:

Was darf’s denn sein?

Ein Wiener Schnitzel!

Das war nicht schwer.

Und mir fällt auf: Der Grüne Veltliner kommt ungefragt mit einem Glas Wasser.

Ich bin im Café Eiles und fühle mich schon ein wenig zuhause.

Der Ober ist aufmerksam.

Einmal zeige ich kurz auf mein leeres Glas.

Noch ein Glaserl?

Ja, gerne, aber Zweigelt!

Schon ist auch das Wienerschnitzel da.

Das geht aber schnell!

Die Küche muss schnell sein.

Jetzt wo’s nix los ist!

Und natürlich fragt der Ober später:

Hat’s gepasst?

Danke, hat gepasst.

Draussen weht mir ein eisiger Wind den Hut vom Kopf.

 

 

3

 

In einem der Säle im Leopold-Museum schreitet ein Mann mit grauen Haaren ziemlich schnell Hodlers Bilder ab. Vor dem grossen Bildnis der Sammlerin Schmidt-Müller bleibt er stehen und sagt zu seiner Begleiterin:

Ich kann mit diesen Geschichten absolut nichts anfangen!

Ich schon! denke ich und gehe ins Café, wo ich einen kleinen Macciato bestelle.

Kleiner Macciato?

Bitte!

Gerne!

Ich lege schon mal zehn Euro auf den Tisch.

Der Kellner kommt, mit über der Schulter hoch gehaltenem Tablett:

Sie wollen gleich zahlen?

Wenn das geht.

Das liegt im Bereich des Möglichen, sagt er.

Dort im Café Leopold sah ich auch einen jener jungen Männer, die möglicherweise über einen gewaltigen Überschuss an Energie verfügen und deshalb beim Gehen völlig nutz- und sinnlos, indem sie sich mit den Füssen vom Boden abstossen, bei jedem Schritt ihr ganzes Körpergewicht hochheben. Im besten Fall sieht das aus wie ein federnder Gang, meistens aber eher wie die effekthascherische Fortbewegung eines Volltrottels!

 

4

 

Sitzt man im Café Griensteidel, wo man eben bei der charmanten Bedienung  «Würstel» bestellt hat - «einmal Würstel bitte schön!» - kann man den Pferden und den  Droschken nachschauen, die auf dem Michaelerplatz kommen und gehen.

Ah die Pferde!

Aber die Droschken heissen hier Fiaker und zwischen den langen Tischreihen im Café selbst sieht man auch eine ansprechende Erscheinung, die zu denjenigen Damen gehört, die dem scharfen Auge eines Schnitzlers nicht entgangen wären, weil sie aus irgend einem Grund ununterbrochen mit ihren Kleidern beschäftigt sind. Andauernd gilt es den Rock zu straffen, eine Bluse am Kragen hoch zu zupfen oder ein T-Shirt tiefer in den Bund zu stopfen, was bevorzugterweise allerdings vor einem Spiegel oder vor einem spiegelnden Glasfenster geschieht. Besonders dieses mit den entsprechenden Hüftbewegungen und genussvollem Gesichtsausdruck Sich-tiefer-in-eine-Hose-hineinwinden kann sehr anziehend wirken.

Hat’s gepasst? fragt auch hier die charmante Bedienung.

Hat gepasst!

Während sie mit die Rechnung präsentiert, bemerke ich ihre diskret tätowierten Arme. Verschlungene Ornamente.

Klar, Wiener Jugendstil.

Vom Café Griensteidel komme ich an der Hofburg vorbei auf die  andere Seite des Michaelerplatzes und damit zur Stallburg. Hier strecken die berühmten Lipizzaner dösend die Köpfe aus ihren Boxen, die sie mitten in der Stadt bewohnen wie Appartements im Parterre.

 

5

 

Wien gibt sich weiter grau.

Es regnet.

Unterwegs gemachte Notizen wollen geordnet werden.

Auch die Gedanken. 

Habe mir im Hotelzimmer einen kleinen Arbeitsplatz eingerichtet! Tisch vor das Fenster geschoben, Zeitungen, Prospekte, Bücher, Reiseführer sortiert, Bilder von der Kamera hochgeladen.

Und weiter in Joseph Roths «Radetzkymarsch» gelesen.  

Mir will scheinen, dieser Roman entbehre zeitweise den sonst von Joseph Roth gewohnten Sog. Lese auch hier die Passagen, die als Szenen zeitlich verortet und ausgestaltet sind, lieber als die zusammenfassenden Ausführungen über allgemeine historische Entwicklungen. Diese bleiben vergleichsweise im Unbestimmten. Es wird oft «gedacht», «gefühlt» «geahnt», aber ich möchte alles sehen, als wäre ich dabei!

Glaube mich zu erinnern, dass das bei Roth’s Roman Hiob immer genau so war. Trotzdem: Dieser Radetzkymarsch ist ein grossartiges Buch!

Jetzt im zweiten Teil der über 400 Seiten scheint es stracks in den Untergang, das heisst, in den ersten Weltkrieg zu gehen.

 

6

 

Vor dem Hotelfenster viel grauer Himmel, darin ein gelber Kran und eine verschachtelte, beige-gelblich graue Dachlandschaft mit ein paar roten Ziegeldächern und einem Dutzend rauchenden Kaminen.

Finde gerade heraus, dass die Minibar nur alkoholfreies Bier hergibt, was ich bei der ersten Flasche gestern gar nicht  bemerkte. Als ich an der Rezeption frage, ob dies in Österreich üblich sei, sagt man mir, der Besitzer des Hotels sei Iraner und möchte das so.

 

7

 

Auch im Burgtheater schrieb ich ein paar Sätze auf, die ich zufällig hörte, als ich mich vor der Vorstellung in dem gewaltigen Bau umgesehen habe.

Offensichtlich eines der grössten Theater, die es gibt.

Gespielt wird Hexenjagd von Arthur Miller. Wurde jedenfalls wohlwollend besprochen, sagt ein junger Mann zu der älteren Dame im Pelz an seinem Arm im Gedränge vor dem Treppenaufgang. Und Oppala! Verzeihung! sagt ein Mann, mit dem ich dort fast zusammenstosse.

 

8

 

Heute fiel mir wieder die in der Inszenierung eingefügte, kaum zu rechtfertigende Vergewaltigungsszene ein. In einer sonst soliden Arbeit offenbart sich plötzlich ein primitiver Geist, der sich nicht zu schade ist, an der Sensationsschraube zu drehen,  damit ja auch von ein paar Zuschauern und Zuschauerinnen berichtet werden kann, die mitten in der Vorstellung das Theater verlassen.

Auch dachte ich an die finstere Stimmung, die zwar angebracht ist, aber Theater scheint fast nur noch im Halbdunkel stattzufinden. Dabei wäre es so schön, wieder mal eine helle Bühne zu sehen! Wozu hat man die Scheinwerfer erfunden? Ist wohl aufwendiger hinzukriegen als dieses Schwarz-Weiss-Theater.

 

9

 

Beim kunsthistorischen Museum stehe ich bei Rot auf der Ringstrasse. Das Ampelmännchen ist hier ein Paar! Bei Grün schreitet dieses Paar keck und wacker aus.

In der Strassenbahn habe ich eben bemerkt, dass Maulkörbe hier auch für kleine Puddelchen obligatorisch sind.

Und dass die im Theater mangelnde Helligkeit schön ist, sah ich auch eben, als ich den einen Saal mit den etwas weniger herausragenden italienischen Meistern verliess: Im nächsten Saal waren das plötzlich die leuchtenden Bilder von Bellini und Raffael. Ich war wie geblendet.

Farben wirken im Licht!

Danach die flämischen, niederländischen und deutschen Meister!

Da kann man einfach so vor Breughels «Bauernhochzeit» stehen, könnte sie sogar berühren und küssen kann man sich hier, wie das junge Paar eben jetzt.

Setzt man sich auf die freie Bank, kann man auch sehen, wie ein graumelierter Herr in Kampfhose und Turnschuhen den Mittelfinger der linken Hand ausstreckt, um für seine ebenfalls ergraute und kleidungsmässig ebenfalls wie für ein Inselabenteuer gerüstete Partnerin die Bewegungen der Figuren nachzuzeichnen. Ja, da ist viel los rund um einen grossen, rohen Bauerntisch! Und natürlich beachtet man den Holzlöffel, der als Besteck in der grünen Kappe steckt! Und natürlich beachtet man das so oft reproduzierte kleine Mädchen mit der Pfauenfeder im roten Hut, das mit Hilfe eines Fingers die Schüssel sauber schleckt!

Ganz und gar vergebens soll vor vielen Jahren der beflissene Lehrer ja schliesslich auch nicht versucht haben, uns für diese Details empfänglich zu machen!

Und natürlich gibt es im Bauerntanz auch einen Kuss! Und am Boden liegt selbstverständlich der abgebrochene Henkel des zerbrochenen Krugs!

 

10

 

Der Zeit ihre Kunst

Der Kunst ihre Freiheit

 

Das steht an der Fassade der Secession, in welcher Hodler einst seinen grossen Triumph feierte und wo es das Beethoven Fliess von Klimt zu bewundern gibt. Hätte es gerne noch viel genauer und viel länger angeschaut, wenn da nicht diese Gruppe gewesen wäre. Anstatt von der grossartigen Kunst spricht die Führerin von den 14 unehelichen Kindern Klimts. Und zwar nicht nur laut, auch sehr schnell und sehr unreflektiert.

Ich ergriff die Flucht.

 

11

 

Im Museumscafé gegenüber von der Secession fragte der Ober, als ich gegessen hatte: Hat’s gepasst?

Vorzüglich, sagte ich.

Der Spinat war auch sehr gut.

Dies sagte ich, weil ich den Ober gefragt hatte, ob das eine Suppe sei, und er hatte geantwortet, das sei als Beilage zum Tafelspitz gedacht.

Möchten Sie noch einen Kaffee? fragte er dann.

Ja einen - wie sagt man -  einen langen Braunen?

Einen Verlängerten, gerne! sagte er mit einem wohlwollenden, diskreten Lächeln.

Sehr professionell der Mann.

Und während ich den Tafelspitz bei einem Kellner mit einem glänzenden Streifen an der schwarzen Hose bestellt hatte, brachte ihn mir ein junger Mann mit fliegender weisser Polyesterweste.

Bitteschön!

Danke!

Gerne!

Am Tisch nebenan redete eine sehr kleine, ältere Dame mit einem altmodischen Hut auf den grauen Haaren ununterbrochen auf den Mann ein, der ihr gegenüber sitzt. Dieser hatte zwei Krücken dabei und sah aus wie der polnische Politiker, der, wenn ich mich nicht irre, seinen Bruder in einem eigenartigen Flugzeugabsturz verloren hat.

Am gleichen Tisch sass auch noch ein Mann, der aussah wie ein unglücklicher Sohn. Er war mittleren Alters, übergewichtig und hätte jemanden wie Arthur Schnitzler problemlos und sofort zu einer Selbstmordgeschichte inspiriert. Vielleicht hätte die Geschichte mit der Silberkugel begonnen, die über meinem Tisch von der Decke hing und in welcher man das ganze Museumscafé gespiegelt sehen konnte.

Der Mann war wirklich unglücklich, schien sich demonstrativ nicht am Gespräch der andern, die sicher seine Eltern waren, zu beteiligen. Gelangweilt stützte er mit der Hand seinen Kopf auf, aber als der Mann mit den Krücken aufstehen wollte, kam er ihm sehr zuvorkommend zu Hilfe!

Natürlich würden in Schnitzlers Geschichte auch diese Krücken eine Rolle spielen.

 

12

 

Als ich mich vor dem Einschlafen in das Kunsthistorische Museum zurückversetzte, hatte ich sofort und klar die «Winterlandschaft» von Breughel vor Augen.

Die Jäger mit dem kläglichen Fuchs an der geschulterten Lanze, die erschöpften Hunde, die Hausschlachtung, die Menschen auf den eingefrorenen Gewässern. Die kahlen Bäume und die durch den Schnee hervorgerufenen Kontraste.

Aber auch «Die Bauernhochzeit» und «Der Bauerntanz» konnte ich im Kopf reproduzieren.

Auch Vermeer, Holbein und Dürrer.

Ich konnte sie abrufen, als würde ich sie am Computer mit der Maus anklicken.

 

Fortsetzung: Reise nach Wien Teil Zwei