beat sterchi

Café Francoeur , Montmartre Paris, 8. April 2010

Der Tick

Aus einem anderen Anlass erzählt mir hier der Schriftsteller Hans Mühlethaler im Café Francoeur eine Geschichte, die sich vor einigen Jahren aus seiner Tätigkeit als Vormund ergeben hatte.

Ob ich den Kollegen aus Bern kennen würde, der als erster ein Buch über unser bekanntestes Stadtoriginal geschrieben habe? Das Buch sei so erfolgreich gewesen, er glaube, es sei gegen 100 000 Mal verkauft worden, dass im Umfeld des Verlages wiederholt rauschende Feste gefeiert worden seien. Auf einem solchen sei er auch einmal gelandet und sei mit diesem Kollegen ins Gespräch gekommen. Über Verschiedenes habe man geredet, habe sich gegenseitig dann auch signierte Bücher versprochen und als er beim Abschied gesagt habe, sie sollten doch in Kontakt bleiben, habe unser Kollege beigepflichtet, allerdings, habe er auch gesagt, sei er jetzt vorerst ein Jahr im Ausland, in Wien, wo er im Auftrag des Verlages hinfahre, um über die schöne Stadt an der Donau ein neues, hoffentlich ebenso erfolgreiches Buch zu schreiben. So habe man noch per Post wie abgemacht Bücher getauscht und sei dann vorerst so verblieben. Ein Band seiner Gedichte gegen ein ihm persönlich gewidmetes Exemplar des Bestsellers.
Ein paar Monate darauf habe ihn dann seine Tätigkeit als Vormund nach Witzwil, in die kantonale Strafanstalt geführt. Wie das damals noch möglich gewesen sei, habe er seinen Döschwo direkt vor dem Anstaltsgebäude parkieren und ohne auch ohne einmal aufgefordert zu werden, sich auszuweisen, direkt ins Büro der Direktion gelangen können, um sich nach seinem Mündel zu erkundigen. In diesem Büro seien auch drei oder vier Insassen in Sträflingskleidung mit administrativen Arbeiten beschäftigt gewesen und einen von diesen habe er zu seinem Erstaunen sofort als unseren Kollegen Bestsellerautor erkannt.
Später, nach einem Jahr oder so, habe er unseren Kollegen wieder getroffen und habe ihn gefragt, wie er nach Witzwil gekommen sei.
Er habe diesen Tick, habe der Kollege gesagt, er habe diesen Tick, der im Bedürfnis bestehe, sich in unpassenden Situationen vor Frauen zu entblössen.
Er sei natürlich erst verblüfft gewesen, erzählte Hans Mühlethaler weiter und auch hätte er sich darunter irgend etwas an einem Waldrand vorgestellt, wo sich jemand zu einem Picknick niedergelassen habe und jemand wäre dann vorbeigerannt, nackt vielleicht, aber nein: Es sei im Zug passiert, habe der Kollege gesagt, er wohne in einem der Stadt vorgelagerten Dorf und fahre fast täglich mit dem Zug nach Bern, da habe er dann im Abteil einer Frau gegenüber sein Schnäbi gezeigt und sei noch im Bahnhof ziemlich genau vor dem Polizeiposten, von zwei uniformierten Polizisten verhaftet worden, denn die Frau, der er im Zug sein Schnäbi gezeigt habe, sei offensichtlich so schockiert gewesen, dass sie ihm vom Zug vorausgeeilt und ihn angezeigt habe. Natürlich habe er gestanden, dass das zutreffe und als man ihn nachher mit einer ganzen Reihe ähnlicher angezeigter Fälle in anderen Zügen konfrontierte, habe er fast stolz alles auf sich genommen. Ja, das sei er gewesen und das auch und das damals auch und das auch und das dort auch. Vermutlich sei es eine Erleichterung gewesen, dass er habe gestehen können.
Das Buch, das es zum Bestseller gebracht habe, sei übrigens sehr fad geschrieben gewesen und seine Gedichte mit der Widmung habe ihm ein anderer Kollege schon kurze Zeit später als Fundstück aus einer Brockenstube zurückgebracht.
Als ich Hans Mühlethaler fragte, ob ich diese Geschichte weitererzählen dürfe, sagte er:
Ja, du darfst die Geschichte verwenden, aber ich möchte noch etwas dazu sagen. Ich mache mich nicht lächerlich über den kleinen Exhibitionisten. Exhibitionisten sind alle, die Kunst machen. Vor allem die Schriftsteller. Wir alle zeigen irgendetwas von uns und meinen vielleicht etwas anderes. Ich mache mich lächerlich über die Frauen, die sich über die Sexualität der Männer empören und zur Polizei laufen. Und über ein Sexualstrafrecht und eine Gerichtsmaschinerie, die einen harmlosen Exhibitionisten ein Jahr nach Witzwil schickt. Das könne ich in dieser einfachen Geschichte nicht alles wiedergeben, fügte Hans Mühlethaler abschliessend noch hinzu, aber die Akzente sollten so gesetzt sein, dass man ahnt, worüber sich der Geschichtenerzähler empöre. Und übrigens sei unser Kollege damals nicht das erste Mal erwischt worden, verschiedene Frauen hätten schon vorher sein Signalement abgegeben, deshalb sei er auch lange in Witzwil gewesen.


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