beat sterchi

Brasserie Royal Custine, Paris, 7. April 2009

Auf dem Land und in der Stadt
 
Es müsse im Jahr 1952 gewesen sein, dass er von seinem abgelegenen Arbeitsort im Emmental nach Bern gefahren sei, um sich dort einen Vortrag anzuhören. Er wisse nicht mehr, ob von Thomas Mann oder von Martin Heidegger, beide habe er nämlich damals als junger Lehrer nicht nur geschätzt, sondern geradezu verehrt. Die dicken Bücher von Thomas Mann habe er verschlungen, auch diejenigen von Martin Heidegger, wenn vielleicht auch, ohne vom letzteren wirklich sehr viel  verstanden zu haben. Welcher der beiden nun in Bern in der Aula der Universität zu Gast gewesen sei, könne er nicht mehr sagen, jedenfalls sei er von seinem Schulhaus hinunter nach Bowil an den Bahnhof gegangen und spät abends, auch wieder zu Fuss zurück. Als er gegen zwei Uhr morgens den doch immerhin 500 Höhenmeter überwindenden Aufstieg zu seinem Schulhaus tief in Gedanken über das an diesem Abend Gehörte versunken, hinter sich gebracht habe, sei ihm aufgefallen, dass in der Gastwirtschaft des kleinen Weilers noch Licht brannte. Eine an sich keine sehr ausserordentliche Tatsache, sei es in dieser Wirtschaft doch hin und wieder recht lustig zugegangen und auch zu kleinen Festen und auch zu deftigen Saufgelagen gekommen, um so mehr, als sich von den Behörden niemand darum kümmerte, ob in dieser abgeschiedenen Wirtschaft die Polizeistunde gewissenhaft eingehalten werde oder nicht. Er habe dann kurz überlegt, ob er nachsehen wolle, was im Tun war, habe sich aber, da er am folgenden Morgen wieder vor die Schulklasse treten musste, entschieden, zu Bett zu gehen.
Am andern Morgen, noch vor Beginn der Schule, sei ihm dann zugetragen worden, dass in dieser Nacht für einmal kein Fest gefeiert worden sei, sondern dass sich Tragisches zugetragen habe.
Damals seien auf den Höfen dieser Gegend die ersten Gastarbeiter aufgetaucht und zwar anders als man heute vielleicht vermuten würde, seien diese nicht aus Italien, sondern aus Österreich gekommen. Einer von diesen Österreichern habe nun in dieser Gastwirtschaft mit einer Tochter des Hauses eine Liebesbeziehung begonnen. Die als Kellnerin arbeitende junge Frau, habe deswegen das Verhältnis zu einem Bauernsohne abgebrochen, von dem man allgemein gewusst habe. Der junge Bauer sei darob derart verletzt und verstört gewesen, dass er an eben diesem Abend mit einer Pistole bewaffnet die junge Frau aufgesucht habe, mit ihr auch noch im Bett gelandet sei, wo er dann zuerst sie und dann sich selber mit je einem Kopfschuss gerichtet habe. Während er seinem Schuss auf der Stelle erlegen sei, habe der erste Schuss im Gehirn der jungen Frau lediglich das Sehzentrum zerstört, was diese, wenn auch halb erblindet, überlebt habe.

Hans Mühlethaler sagt, literarisch hätten ihn solche Geschichten damals auf der Gauchern, dem kleinen Weiler bei Chuderhüsi im tiefsten Emmental, eigentlich nie interessiert. Auch deshalb nicht, weil er ganz sicher kein Gotthelf werden wollte.
Heute sei sein ganzes Leben auf das Schreiben ausgerichtet. Dieses falle ihm mittlerweile auch leichter. Früher habe er ein Jahr lang gelitten, um dann mit dem Resultat so unzufrieden zu sein, dass er es vernichtet habe. Er sagt auch, anders als noch in den ersten Jahren hier, wirke Paris heute sehr anregend auf ihn. Früher sei es einfach ein Arbeitsort gewesen. Er hätte das Kabel seines Computers auch gerade so gut in einer andern Stadt einstecken können. Jetzt aber fielen ihm manchmal schon unterwegs zu seinem Café, wo er täglich arbeite, kleine Gedichte ein, diese dann niederzuschreiben, ihn manchmal nur einen Aufwand von Minuten koste. In jenem Café fühle er sich übrigens sehr zuhause. Er brauche sich nur hinzusetzen und schon sei jemand da, der ihm die Hand gebe und sich nach seinem Wohlergehen erkundige und wenn an der Theke nicht gerade ein Gestürm sei, also wenn nicht gerade ein Durcheinander herrsche oder eine Auseinandersetzung im Gange sei, habe er seinen Kaffee ohne ihn auch nur bestellen zu müssen innerhalb kürzester Zeit auf seinem Tisch.

In der Brasserie Royal Custine zeigt mir Hans Mühlethaler auch seinen neusten Gedichtband. “Im Sternzeichen des Krebses“ Späte Gedichte I“. Ich schenke ihn Dir nicht, sagt er, denn seit ich sie selber publizieren muss, bin ich darauf angwiesen, dass wenigstens jemand, der mich kennt, die Gedichte auch bestellt und kauft, schon nur damit diese mal in die Hände eines Buchhändlers geraten. Hat nicht schon Kennedy gesagt, man solle seine Bücher nicht verschenken? Wer soll sie denn kaufen, wenn nicht die Freunde?
“Im Sternzeichen des Krebses“ kommt herrlich knapp und
klar daher. Auch leicht und frisch, denn hier wird dem Tod ziemlich frech und mutig ins Auge geschaut.

entgegenkommen

mit dem tod
verhält es sich
wie folgt

gehst du ins spital
gehst du zu ihm hin
bleibst du zu hause
kommt er dir entgegen


sternzeichen krebs

der krebs hat mich
mein leben lang
begleitet
erst jetzt
im alter
hat er sich
von mir entfernt
und gesagt

den letzten schritt
kannst du
allein tun

Hans Mühlethaler: „Sternzeichen Krebs“, Books on Demand 2009





 


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