beat sterchi

São Paulo, 28. Mai 2007






Das Restaurant ist farbig, bunte Werbung für Bier und Schnaps hängt zwischen Bildern von Kunden und schwarzweissen Fotos aus dem Quartier. An den Holzverstrebungen geschnitzte Köpfe: Seefahrer, Seeräuber, Sklaven, Diener, Damen, Herren. Der Applaus aus dem Hinterzimmer bezeugt, dass zugehört wird. Sanft und erfrischend unaufgeregt für diesen süd-amerikanischen Kontinenten, in dem alles, sogar Botschaftsfrauen schreien, meinen schreien zu müssen wie am Spiess. Hier hört auch die  Chefin zu und lächelt bei einer besonders gelungenen Passage des gesungenen Liedes. Sie trägt wohl wie viele Brasilianerinnen in dieser Jahreszeit, die sie hier Winter nennen zu den blauen Jeans einen dicken schwarzen Pullover. Fast unbemerkbar wiegt sie sich in der Musik. That’s Sao Paulo!
Todo cuidado, singt die Dame am Mikrophon mit so einfühlsamer Stimme, dass ich es mir zu Herzen nehme. Sie singt so anders als das Geschrei am TV und es stört sie nicht, dass alles so nebeneinander und durcheinander geht: Dois choppe! – Zwei Bier! ruft der Kellner über die Theke und das Fernsehen wechselt jetzt, während ich esse,  zu einer Everest Besteigung – später kommen noch die Ureinwohner im Bundesstaat Acre – Everest heisst Schnee und das Exotische hier ist weiss und kalt und am Fernsehen sagen sie, wegen der anhaltenden Kälte laufe das Einkaufsgeschäft  sehr gut – vor allem warme Kleider,  auch hier jetzt später am Flughafen, wo ich die Notizen von dem Zettel abschreibe, tragen die einen Mäntel und die andern kommen daher wie im Sommer, ohne Strümpfe und ohne Socken, so ist diese Exotische auch am besten am TV oder sonst möglichst weit weg. Hillary und Sherpa Tenzing am Fernsehen und der Schlagzeuger, der dazugekommen ist, auch ein älterer Herr, schielt unter den Pfannendeckeln hindurch in das Restaurant, wo ich und ein freundlicher Nachbar und noch ein paar Leute an zwei oder drei Tischen und die Chefin zuhören. Und zu erwähnen ist noch der Kellner, der sich über die Theke streckt und selbst das Bier anzapft und dass später ein sogenannter Indianer-Experte kommt, der sich wohl bei sich zu Hause vor goldgerahmter Kunst und mit seinem Cello im Bild filmen lässt, während er sich über die Urbewohner äussert. Brasilien das Land der Gegensätze und der Zäune dazwischen. Und ich denke an das Bild, das ich auf dem Flohmarkt dummerweise nur fotografiert und nicht gekauft habe.                                                                                                                                                                  http://www.miradourobar.com.br

< bersicht