beat sterchi

Rueggisberg, 1. Juni 1999



Aber was macht man dort zur Mittagszeit, wenn aus den Häusern das Konzert der Suppenlöffel klingt und der stolze “Bären” in diesem Einbeizendorf gerade mal zu hat?
Man hält sich an eine Brunnenröhre, empfiehlt ein darauf angesprochener Rüeggisberger und im Dorfladen wird hilfsbereit und freundlich auf den Gasthof im nahen Weiler Hasle verwiesen.
Eine halbe Stunde zu Fuss zurück? In der Mittagshitze, mit leerem Magen?
Zum Glück gibt es die berühmte Ruine. Dort kann man sich in den Schatten eines Baumes setzen, die Aussicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau geniessen und nachschauen, was im Rucksack noch an Wegzehrung zu finden ist.
Die Rüeggisberger Klosterruine ist zwar nicht genau das, was man sich andernorts unter einer Ruine vorstellt. Auch steht sie, was aus den bekannten Abbildungen kaum ersichtlich ist, überhaupt nicht frei und erhaben oder sogar abgehoben über dem Dorf, sondern nur eine kleine Wegminute unterhalb von diesem direkt an der Strasse.

Offensichtlich lässt die Gemeinde diesem Ort respektvoll die angemessene Pflege zukommen, aber was von der ehemaligen Cluniazenser Klosterkirche aus dem Mittelalter noch übrig geblieben ist, hat man festbetoniert. Der natürliche Zerfallsprozess wurde aufgehalten. Überall dort, wo noch ein Stein ab dem andern hätte rollen können, dort hat der Maurer mit der Kelle zugeschlagen. Aus der Ruine, die an die Vergänglichkeit selbst der erhabendsten Menschenwerke erinnerte, ist ein romanisches Fragment geworden.
Auch so lässt es sich hier aber gut rasten und inne halten, denn der Ort hat ganz offensichtlich etwas Besonderes an sich. Hier wird bald eine zusätzliche Dimension spürbar, die sich nur teilweise durch die unübertreffliche Aussicht erklären lässt. Hier fühlt man sich eigenartig geerdet und es ist kinderleicht, ruhig und gelassen zu sein. Die sonst krippelnden Ameisen sind überhaupt nicht lästig, die Hitze ist plötzlich erträglich und das surrende Insistieren einer Schmeissfliege für einmal kein Ärgernis.
Gute Schwingungen, würden Esoteriker wohl sagen.
Der Rüeggisberger Dorfpfarrer Andri Kober bringt es später auf den Punkt. Er zeigt in dem durch Mauerresten und durch Zypressen markierten romanischen Grundriss auf eine ganz zentrale Stelle und meint, hier liege das Zentrum eines jener Kraftorte, welche sich netzartig über das ganze Land verteilen und die sich auch einer nüchternen Erforschung weder entziehen noch verschliessen. Möglicherweise habe es damit zu tun, dass sich hier durch eine Unregelmässigkeit in der Bodenstruktur, die Hitze aus dem Erdesinneren positiv bemerkbar machen könne. Und genau hier, auf diesen unverwechselbaren Punkt auf der West-Ostachse des Mittelschiffes verwiesen sowohl Rutengänger wie Strahlenmesser.
Rüeggisberg ein ganz besonderer Ort?
Immerhin haben sich hier einmal der Aare und der Rhonegletscher aneinander gerieben, hier in diesen oben so sanften, unten aber zu Schluchten abfallenden Hügeln trafen, wie die Namen der Dörfer verraten, das allemanische und das welsche Wesen aufeinander. Zudem gab es Zeiten, da lag Rüeggisberg noch weit verkehrsgünstiger als die arg abgelegenen kleinen Städte im Mitteland. Hier hatten schon die Römer eine Strasse gebaut und hier, nicht in Bern, führte vom Brünig her die Hauptachse des Jakobsweges, damit die im Mittelalter wichtigste Verbindung nach Südfrankreich und in den christlichen Teil des damaligen Spaniens durch. Auch dass dem Kloster schon eine heidnische Kultstätte von Bedeutung vorausgegangen war, gilt als erwiesen.
So kenntnisreich spricht der pensionierte Lehrer Fritz Guggisberg über Vergangenes in der Gemeinde. Der Zufall will es nämlich, dass gerade das mytisch-historisch besonders interessierende Rüeggisberg von einem ebenfalls zurückhaltenden, jedoch fleissigen dorfeigenen Chronisten genau beobachtet und sorgfältig erforscht wird. Die Schriften Fritz Guggisbergs sind zahl- und aufschlussreich. Unter anderem hat er die Rodel des in Rüeggisberg nach der Reformation regelmässig tagenden Chorgerichtes aufgearbeitet und damit sowohl der Gemeinde wie anderen interessierten ein herrliches Sittenbild aus alten Zeiten zum Geschenk gemacht.
Und heute?
Sogar abgesehen von seiner spektakulären Lage ist Rüeggisberg eines der edelsten Bauerndörfer im Kanton Bern. Eine Ansammlung von Dächern, jedes gross genug, um selber eine Klosterkirche zu decken, dazwischen Brunnen und Bäume, in ihrer weltlichen Magie des Elementaren ebenso einfach und nützlich wie zeitlos und erhaben. Als wären es Gesichter, wenden die Häuser ihre Fassaden den Alpen und der wärmenden Sonne zu. Und die Gärten davor sind so reichhaltig und gepflegt, man kann nicht anders, als bei ihrem Anblick an alle die klugen Dinge zu denken, die von Voltaire bis Ernst Jünger schon über Gärten und über die Arbeit darin gesagt worden sind.
Dass sich hier der Alltag weniger leicht beschleunigen lässt als anderswo, versteht sich. Zwar kommen und gehen die grossen und kleinen Postautos fast im Stundentakt, der Privatverkehr ist ebenso rege, auch eilen Velofahrer am noch bis vier Uhr geschlossenen Bären vorbei, einzeln und in bunten Rudeln, aber Hektik ist in Rüeggisberg nicht zu spüren.
Zurückhaltung, auch im zeitlichen Sinn, wird hier als eine der bernischen Obertugenden ganz besonders gepflegt und geschätzt. Gleichzeitig weiss man aber, dass bei etlichen gesellschaftlichen Entwicklungen, die auch für Rüeggisberg unumgänglich sind, schon ab und zu etwas verpasst worden ist, weil alles eben seine Weile haben muss. “Es geit haut äs Cherli”, sagt man hier und dieses “Cherli” kann sich ebenso auf ein paar Minuten, wie auf ein paar lange Jahre beziehen. Vielleicht war dieser Unterschied in ruhigeren und autonomeren Zeiten sogar unwesentlich, heute ist Rüeggisberg jedoch keine Insel mehr.
Auf die Frage, was die Gemeinde denn an besonderen Problemen zu bewältigen habe, kommt aber nirgends spontan eine rasche oder gar brennende Antwort, denn wie alles andere, muss auch eine solche wohl überlegt sein.
Am schnellsten antwortet Gemeindeschreiber Peter Zurbrügg. Rüeggisberg sei flächenmässig sehr gross, was vor allem eins bedeute: Eine Infrastruktur, die durch die rund 2000 Bewohner auch bei einem hohen Steuerfuss kaum selbst bezahlt werden kann. Unter anderem gibt es zwischen den einzelnen Höfen und den fünf Weilern der Gemeinde 90 Kilometer Strassen zu unterhalten, die Wasserversorgung kommt nicht mehr ohne Pumpwerk aus und die Abwässer gar, treten bis in die Kläranlage bei Neuenegg eine lange und teure Reise an.
Kein Wunder, dass die Gemeinde selbst Bauland in bester Lage erschloss, um es mit schöner Aussicht auf die Berge und auf besonders günstige Bedingungen potentiellen Steuerzahlern anzubieten.
Da, wo einst Pilger in Scharen vorbei kamen, da werden jetzt möglichst familienweise Sesshafte gesucht.

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