beat sterchi

Rüeggisberg, 13. Juli 1997


Auf dem Jakobsweg

Von Rüeggisberg dagegen hatte ich kein Bild, keine Erinnerung, ich wusste nur, wo es ungefähr liegt, ich wusste auch von einer Klosterruine, die für die Jakobspilger eine gewisse Rolle gespielt haben soll und von der ich schon Bilder gesehen hatte. Aus diesen Bildern ist allerdings nicht hervorgegangen, dass sich dieses gotische Gemäuer ganz nahe beim Dorfkern befindet und nicht nur von Häusern umgeben, sondern auch von einer Strasse eingekreist wird.
Den Wagen hatten wir vor der Post geparkt. Nachdem wir uns etwas umgeschaut hatten, sagte mein Junge, er sehe nicht, was daran besonders sein soll.
Ich sah, dass es eine dieser überrenovierten Ruinen war, die eigentlich keine Ruinen mehr sind. Ihr natürlicher Zerfallsprozess wurde unterbunden, das heisst, er wurde an einem bestimmten Punkt festbetoniert und überall dort, wo noch ein Stein ab dem andern hätte rollen können, hat der Maurer mit der Pflasterkelle zugeschlagen. Jetzt sieht diese Ruine eher aus wie ein Fragment oder eine unfertige Kirche.
Ich setzte mich auf eine Bank, mein Sohn setzt sich zu mir und ich sagte:
- Das Besondere an dieser Ruine ist vielleicht die Tatsache, dass sie für die Pilger auf dem Weg nach Spanien eine Rolle gespielt hat. Am Kloster, wovon die Ruine übrig bleibt, soll der Jakobsweg vorbeigeführt haben.
- Wie? Von hier gingen die Leute nach Spanien?
- Vielleicht von hier auch, sagte ich, sicher aber kamen Leute aus ganz Europa auf ihrem Weg nach Spanien hier vorbei. Vielleicht kamen sie aus München oder Prag, aber hier führte der Weg nach Santiago durch. Genauer gesagt: Einer der Wege, die sich in Spanien dann zu dem berühmten Camino de Santiago vereinen, von dem ich dir schon erzählt habe. Das Netz der Jakobswege überspannte damals ganz Europa. Ungefährt so, wie heute das Netz der Autobahnen es tut. Weil die Leute aber sechs Monate oder länger unterwegs waren, hatte man auch Probleme mit ihnen. Es waren im heutigen Sinn schlechte, das heisst, Billigtouristen. Unter ihnen gab es Überbringer von ansteckenden Krankheiten, auch kriminelle und assoziale, sogenannt unerwünschte Elemente. Viele schlugen sich auf ihrer Reise als Prostituierte oder als Taschendiebe durch. Die meisten hatten kein oder wenig Geld. Wer so lange unterwegs ist, der ist auf die Gastfreundschaft der Sesshaften angewiesen. Wenn die Pilger in den Städten dann nicht mehr willkommen waren oder ihnen gar verboten wurde, in die Stadt zu kommen - in Bern mussten sie zeitweise einen Bogen um die Stadt machen - so fanden sie eben doch in den Klöstern Unterkunft und Verpflegung, weil sie von diesen kirchlichen Institutionen ja aus verständlichen Gründen unterstützt wurden.
- Gingen diese Pilger denn so weit zu Fuss, weil sie aus einem bestimmten Grund gezwungen waren?
- Zu Fuss zu reisen, war ziemlich alltäglich. Pferde waren vermutlich ein grösserer Luxus als heute ein Auto. Es gab aber auch sogenannte Strafpilger - in Belgien gibt es sie übrigens in abgewandelter Form heute noch - die meisten waren aber freiwillig unterwegs oder sie erhofften sich auch einen persönlichen Nutzen in Form eines Wunders, vielleicht eine Genesung am eigenen Leib oder an dem eines Kindes oder sonst eines Verwandten. Ähnlich wie heute die Wallfahrer in Lourdes zum Beispiel, und man bezahlte dafür mit der Mühsal der Reise. Man kann sich dies vorstellen wie einen Lehrgang oder einen Kurs, der Erleuchtung verspricht. Bloss wenn jemand sechs Monate oder länger unterwegs ist, tut sich eben sicher etwas. Flüchtet er oder sie beispielsweise vor einem Unheil zuhause, so ist es gut möglich, dass er bei der Rückkunft eine neue Situation vorfindet oder dass er sich auf der Reise verändert hat, sei es nun, weil er durch das Feuer gegangen ist, also auf der beschwerlichen Reise Schwierigkeiten und Prüfungen zu bestehen oder einfach Zeit zum Nachdenken gefunden hatte. Deshalb gibt es auch noch heute Leute, die sich auf diese Pilgerreise begeben.
- Du meinst religiöse Fanatiker?
- Gibt es sicher auch, aber nicht nur. Die Mehrheit sucht sich einfach Besinnung, Ruhe und vielleicht Erleuchtung in einem bescheidenen Sinne, indem sie sich ein Problem, ein Aspekt ihres Lebens erhellt wünschen. Vielleicht aber auch nur den Beweis ihrer Unabhängikeit. Jemand, der ohne Transportmittel, einfach so auf Schusters Rappen grosse Distanzen zurücklegen und scheinbar unerreichbare Ziele anstreben kann, der findet auch Glauben an seine Autonomie zurück, der geniesst die Freiheit, beweglich zu sein, wie der Bergsteiger, der eine ganz besondere Art von Freiheit durch die Überwindung sowohl der äusserlichen wie der inneren Hindernisse gewinnt.
Das Gespräch führte dann erst zu einer Diskussion über den Religionsuntericht, schliesslich redeten wir sogar über Gott.
Als ich den Jugen dann fragte, was er jetzt am liebsten tun würde, sagte er, er würde gerne baden gehen.
- Gut, sagte ich, fahren wir nach Hause, dann kannst du baden gehen. Worauf der Junge fragte:
- Was? Du meinst, ich soll allein ins Bad gehen?
- Und warum nicht?
- Weil mein Rad kaputt ist, darum.
- Na und?
- Aber Du meinst doch nicht, dass ich zu Fuss gehen soll?
- Doch zu Fuss. Warum nicht?
- Aber das Bad ist doch auf der andern Seite des Dorfes, da brauche ich doch mindestens eine Viertelstunde! Und bei dieser Hitze!
- Und?
- Aber Papa, du weisst doch wie wahnsinnig heiss es ist.
- Dann hast du danach umso mehr Spass beim Baden, oder nicht? Zudem kann man auch bei der Durchquerung eines Dorfes ein Abenteuer, vielleicht sogar einen Augenblick der Erleuchtung erleben.
- Aber Papa!
- Ist ja schon gut! Ich fahre Dich im Auto hin.








< bersicht