beat sterchi

Leipzig, 7. April 1989


Die Menge, eine Ansammlung von einigen hundert Menschen, schiebt sich weiter durch die Leipziger Innenstadt. Wer demonstriert? Wer läuft einfach nur mit? Die Übergänge sind fliessend, es fehlen die Schildwachen, die gepanzerten Polizeiwagen, die Wasserwerfer, die bei westlichen Demonstrationen durch Einschüchterung so gerne klare Fronten schaffen. Und so wesentlich weniger Gedränge hat in diesen Strassen auch vorher nicht geherrscht. Die Frühjahrsmesse ist gut besucht, man hofft auf volle Läden, auf einmaligen, für die Westler zum Bewundern bereitgstellten Überfluss, man kommt angereist mit grossen Einkaufstaschen, familienstark von nah und fern. Doch jetzt sind über der Menge die grünen Mützen, im weniger dichten Gedränge auch die Uniformen zahlreicher Polizisten zu sehen. Zwischen Universität und Marktplatz steht ein feld¬grauer, mit einer Plane bedeckter Lastwagen quer in der Gasse. Die Bewegung stockt, mitten in der Menge reihen sich Köpfe zum Kreis, Arme schnellen hoch, gespreizte Finger an den Händen, V for victory. Sprechchöre finden sich zusammen: „Stasi raus! Wir wollen raus“! Und gleich lösen sie sich wieder in der Masse auf. Eine Fernsehkamera wird hoch gehoben. Frei zielend schwenkt sie hin und her. „Das West-Fernsehen“, sagt jemand. „Das ist ein gefundenes Fressen für ARD und ZDF“. Aber auf den nahen Gesichtern zeichnen sich Überraschung und Neu¬gierde ab, gedämpfte Erregung kommt auf. „Wissen Sie“, sagt später eine Journalistin aus Ost-¬Berlin, „Unzufriedene gibt es überall, bei uns sind es die Ausreisewilligen. Wenn die bloss wüssten, was sie hier haben, und erst, was sie dort drüben erwartet“.
Sie sagt dies überzeugend, nicht ohne Mitleid zwar, auch ein klein wenig herablassend, und doch tut es gut, ihr zuzuhören. Endlich einmal eine andere Stimme, denn der zugängliche Westler setzt sich in der DDR beinahe ununter¬brochen den herzzerreissendsten Klageliedern aus. Er wehrt sich dagegen, dauernd vorgeprägte Bilder bestätigt zu finden, er möchte so manch eine im Westen abschätzig geäusserte These als Vorurteil entlarven, und doch sieht er in beinahe jedem Gespräch die Problematik dieses jungen Landes auf den Frust von konsumgierigen Klein¬bürgern reduziert. Aber nicht so in dem Gottesdienst, der dieser Demonstration vorausgegangen war.
Montag, 17 h, Friedensgebet, stand auf dem Anschlag¬brett der Nikolaikirche. Daneben plakatgross das Emblem von Schwerter zu Pflugscharen.
Die Nikolaikirche ist so alt wie Leipzig. Sie ist be¬rühmt für ihren Innenraum, der zu Konzerten und zu Platten¬aufnahmen genutzt wird. Eine lange Bank um die andere füllte sich mit vorwiegend jüngeren Menschen. Diese waren auffallend bunt und eigenständig gekleidet, ihre Gesichter hoben sich in Klarheit und Selbstbewusstsein wohltuend ab vom Gesicht des Mannes in der Strasse. Kinder waren dabei, und die Stimmung war gut. Wer auf den Bänken keinen Platz mehr fand, lehnte sich gegen die hochaufragenden Säulen. Der Pfarrer sprach vorsichtig, wandte sich aber klar an Menschen, die hier in der Kirche einen Freiraum suchten. Dem Wort Frieden, das in der DDR ähnlich dem Wort Freiheit im Westen, zur Nullgrösse verkommen ist, vermochte er eine politische Dimension zu geben. Er sprach von einem inneren Frieden, einem persönlichen Frieden, an dessen Entfaltung die Menschen durch Machthaber ge¬hindert würden, die sich, von überholten Ideologien ver¬blendet, dem Fortschritt verweigerten.
Unmissverständlich sprach er von Babylon. „Auch wir wurden nicht gefragt, unter welchen Bedingungen wir leben wollen, und doch ist unser Mitdenken erwünscht“, sagte er.
Er appellierte an das Verantwortungsbewusstsein der Ausreisewilligen. Er forderte sich auf, doch hier, wo sie zuhause seien, mitzuhelfen, die auch sonst überall mangelhafte Welt umzugestalten. Später wurden die Seligpreisungen gesprochen. Sie klangen hell und klar, und sie klingen nach: „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich“. Das klingt in Leipzig anders als in Appenzell.
Dies sind ein paar Eindrücke aus einer Stadt, in welcher anlässlich der Frühjahrsmesse unser aller geliebtes Buch stolze Triumphe feierte. Wie muss es doch kämpfen, sich behaupten in der sich täglich verändernden Medienlandschaft. Blut wird ihm gespendet, es wird künstlich betmet, und doch scheint es zum Luxusobjekt zu verkommen, zum anachronistischen Kulturträger für eine kleine privilegierte Minderheit, die sich noch einen Rest Muse zu bewahren weiss. In Leipzig aber wurde es belagert, bewundert, ge¬hätschelt, gefeiert.
Es ging nicht um spektakuläre Neuerscheinungen, auch nicht um Autoren. Stars gab es kaum, der Medienrummel hielt sich in Grenzen, im Vordergrund stand Neugierde, auch eine unübersehbare Lust auf das nicht selbst Erfahrbare, die Lust auf Wissen, auf Sprache, auf Ideen. Kein romantisches Rumschmöckern von bibliophilen Käuzen. Hier herrschte Hunger und Durst. In langen Warteschlangen standen die Messebesucher an den Bücherständen, bis sie einzeln und beaufsichtigt an die Regale gelassen wurden. Es gab kein Messetreiben, eher stille Andachtsstimmung, und den Händen, die zu den sonst verbotenen Büchern griffen, glaubte man eine mühsam unterdrückte Gier anzusehen. Etwas Verschwörrerisches ging von diesen Menschen aus, wenn sie sich nach langem Warten mit dicken Bildbänden fremdsprachiger Verlage an die Lesetische setzten und langsam die Farbseiten umblätternd, ihnen verwehrte Reisen unternahmen. Verlagsangestellte berichteten von zahlreichen Besuchern, die sich Bücher jeder Art, technische und belletristische kurz zur Ansicht aushändigen liessen, diese dann an Ort und Stelle, ohne noch einmal aufzuschauen, kurzerhand durchlasen. Rahmenveranstaltungen wurden buchstäblich gestürmt. Während draussen noch wie bei einem Popkonzert um Karten gerangelt und gebettelt wurde, las Urs Widmer vor 300 Leuten in einem bis zu den Stehplätzen vollgestopften Saal. Bei einer Lesung von Christa Wolf blieben gar 500 Interessierte draussen im Regen. Und nachts gingen die Putzbrigaden mit schwarzen Bestelllisten durch die Ausstellungsräume, klauten für geheime Kunden zusammen, was nicht vorsorgelich bereits unter Verschluss genommen worden war. Viel zu kleine, durch den ewigen Papiermangel gerechtfertigte Auflagen bei wichtigen und politisch schwierigen Büchern erzwingen solche Selbsthilfemassnahmen. Nächstes Jahr soll in einer Stückzahl von 30 000 Orwells 1984 erscheinen. Angesichts der manifestierten Nachfrage ist diese Auflage nichts als ein Tropfen auf einen heissen Stein, nur schlecht vertuschte Zensur, eine Alibiveröffentlichung, mit der man sich gegen aussen einen lieberalen Anstrich geben möchte.Bei einem DDR-Verlag für vorwiegend ausländische Literatur zeigt eine Lektorin auf die Regale und sagt: „Schauen Sie sich unser Programm an, leider schon am zweiten Tag sehr gelichtet, aber was kann man schon gegen Mundraub haben“?
Keinen Papiermangel gibt es nach wie vor für die Klassiker, für die ideologischen Grundpfeiler dieses jungen Staates. Bei sinkender Nachfrage werden aber auch die neu verpackt. Da ist zum Beispiel ein hübsch gemachtes Bändchen: Mit Engels auf Reisen. Dem marktgerechten Titel zum Trotz wurde es nicht gestohlen.

Erschienen unter dem Titel: Mundraub am Bücherstand am 7. April 1989 in der WoZ




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