beat sterchi

Santarem, 6. April 1983


Aber hier gehen kaum zwei Menschen aneinander vorüber, ohne sich
mindestens zu grüssen, keiner der vielen Läden wird ohne ein Schwätzchen wieder verlassen, fährt einmal ein Taxi vorbei, drehen sich die Köpfe der Passanten. Wagen sind selten, das Fahrrad dagegen ist sehr verbreitet. Da sitzt dann die Frau im weissen Hausmädchenkleid auf  dem Gepäckträger und wird von ihrem Soldatenehemann zur Arbeit gefahren, und der Junge bringt die Schwester auf seinem Rad zur Schule, und die Tochter die Mutter zur Apotheke, auch der alte Mann schiebt sein Rad dorthin, um im kleinen Hinterzimmer gegen 100 Cruzeiros eine Spritze verabreicht zu bekommen, und wer nicht auf dem Rad fährt, der geht, und zwar meistens gemächlich, verhalten, sparend an Gesten und Schritten, der grossen Hitze wegen oft unter einem Regen- oder Sonnenschirm, aber er geht aufrecht, stolz, auch die Mädchen werfen sich schon jung in die Brust und steigen kühn mit kontrollierten Hüften, elegant, präzise über Abfallhaufen, die überall unter den Bäumen, in den vernarbten oder geborstenen Strassenbgräben liegen und die Mädchen verschwinden ebenso eleganten Schrittes durch die zumeist offen stehenden Türen in eigentlich ziemlich ärmliche, um nicht zu sagen verlotterte, schiefe, manchmal bunt bemalte, oft schlecht verputzte einstöckige Häuser, durch einige Türen sieht man sie dann in blau gelb grün roten Hängematten wiegen, auch alte Frauen sitzen da in tiefen Sesseln, eine schaukelt, raucht, fächert sich Luft zu und aus allen Wohnhäusern dringt um die Mittagszeit Musik, aus einigen Häusern das Geräusch von aufeinanderprallenden Billardkugeln, auch ein gesungenes
oder gepfiffenes Liedchen und hinter den Häusern reiben die Mädchen die Wäsche, schwitzen dabei grosse dunkle Flecken ins Tuch unter den Armen, auf dem Rücken, recken sich an ihre schwarzen Haare und werfen dem Fremden einen schüchternen Blick zu, eine wirft dem uniformierten Beamten der eben vorbeiradelt sogar ein Lächeln zu, und eine schlanke Mullatin stellt ihren Einkaufskorb in den Staub der Strasse und lacht mir zu, dass es eine Freude ist.



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