beat sterchi

Biel, ‎24. ‎Juni ‎2011


An einem Tisch, mit Oskar Freysinger! Und dies in diesem gut überschaubaren Lokal, wo sich jetzt, weil genau an diesem Tag im Schweizerischen Literaturinstitut in Biel ein offizieller Anlass stattfindet, auch noch gleich der Vorstand des Verbandes Autoren und Autorinnen der Schweiz mitsamt der Geschäftsführerin einfindet. Ausgerechnet der Vorstand jenes Verbandes, der nicht unwesentlich zu Oskar Freysingers Bekanntheitsgrad beigetragen hat, weil er diesem vor einigen Jahren die Aufnahme verweigert und damit einen Mediensturm ausgelöst hatte. Auf Grund ideologischer Differenzen, hiess es damals. Und Oskar Freysingers Bekanntheitsgrad ist so gewaltig, dass man ins Staunen kommt, dort an dem Tisch im Rotonde, wo man mit ihm die einzige zugängliche Steckdose für die Laptops teilt. Oskar Freysinger ist zweifellos der populärste Schriftsteller der Schweiz. Da kommen nämlich ununterbrochen Leute herbei, wollen den Herrn Freysinger grüssen, wollen ihm sagen, dass sie sich freuen würden, ihn hier zu sehen, dass sie es deshalb nicht versäumen wollten, ihm einmal ganz persönlich ihren Dank und ihre Bewunderung auszusprechen und ihm die Hand zu drücken und dies sowohl auf Deutsch wie auch auf Französisch. Ähnliches hat man in diesem Ausmass höchstens im Umfeld von Günter Grass gesehen. Die Leute hätten auch gerne ein gemeinsames Foto, wäre das vielleicht möglich? Gar kein Problem. Oskar Freysinger ist offensichtlich nicht nur der populärste Schriftsteller der Schweiz, der einzige mit einer öffentlich auftretenden Fangemeinde, er ist auch freundlich und umgänglich, geniesst es sichtlich, umschwärmt zu werden und man schaut zum Vorstand des Ads hinüber, und man schrickt ein bisschen zusammen, als auch noch eine berühmte Kollegin das Rotonde betritt, eine kulturpolitisch dezidiert links agierende und publizierende liebe Kollegin und man sitzt dort, an einem Tisch, als wäre man unter einer Decke mit dem in gewissen Kreisen vielleicht doch meistgehassten Nationalrat der Schweizerischen Volkspartei, dabei gibt es halt einfach nur bei diesem Tisch eine Steckdose, in dem sonst so schönen, so praktischen Rotonde in Biel.



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