beat sterchi

 Going to Pristina!

 

Meine allererste Notiz machte ich im Caffè San Marco

in Triest an einem kleinen Marmortisch, an welchem

möglicherweise einmal James Joyce gesessen hat. In

Triest kann man auch über eine kleine Brücke gehen,

die «Passagio James Joyce» heisst. Bleibt man stehen,

sieht man von dort das Meer.

Joyce und das Meer! Keine schlechten Ausgangspunkte

für ein literarisches Projekt. Denn deshalb waren

wir unterwegs. Guy Krneta, mein Freund und Kollege

von dem Spoken-Word-Ensemble «Bern ist überall

», und ich.

Ein geografisches Ziel hatten wir auch: Pristina

im Kosovo.

Dort war für uns eine Wohnung gemietet, und

dort war später im Sommer ein ausführlicher literarischer

Austausch mit kosovarischen Kollegen und Kolleginnen

geplant. Unter anderem die Produktion eines

gemeinsamen Tonträgers.

Dass James Joyce während seiner Triester Zeit im

Caffè San Marco verkehrt hatte und ich jetzt auf einem

Stuhl sass, auf dem er auch gesessen haben könnte,

ist nicht auszuschliessen. Sehr gross war diese Stadt

auch damals nicht, und in diesem Café klimperten und

klapperten schon vor mehr als 100 Jahren Gläser und

Tassen, was auch die Kaffeemaschine bewies, die aussah

wie ein kleiner, vergoldeter Hochofen.

 

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«Buon giorno! Prego?»

Vor mir stand eine Dame in schwarzem Rock mit

weisser Schürze.

«Buon giorno, un caffè latte! Per favore!»

Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich unterwegs

war!

Sogar in Italien!

Und noch bevor ich diese erste Notiz abschliessen

konnte, stand ein Kellner da: «Prego!»

Und wieder: «Buon giorno!»

Er fragte noch etwas, was ich nicht verstand, aber

er lächelte höflich, und ich nickte, und er servierte mir

meinen Kaffee.

«Grazie», sagte ich, und gleichzeitig sagte eine

Dame am Nebentisch ins Telefon: «Grazie moltissimo!

Grazie moltissimo! Grazie moltissimo!»

Draussen war ein grauer, regnerischer Morgen,

die Leute auf der Strasse hielten Regenschirme hoch,

und gleich vor dem Café eilte eine schick gekleidete

Triesterin mit einem Laptop unter dem Arm von einem

Auto durch den Regen zum Eingang des Gebäudes

gegenüber. Sie zog den Kopf ein und lachte, weil

sie unmögliche Schuhe mit hohen Absätzen trug, mit

welchen sie nicht rennen konnte.

Während ich meinen Kaffee trank und mich umsah,

bemerkte ich, dass die alte Uhr an der Wand zehn

Minuten nachging.

Guy und ich waren übereingekommen, dass wir

jeweils bis mittags an unseren Projekten arbeiten würden,

möglicherweise hätten wir ja auch plötzlich Lust,

 

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zu der Reise selbst Notizen zu machen. Falls Guy auch

schon etwas geschrieben haben sollte, hätte er dazu

bestimmt seinen Mac verwendet. Er könnte zum

Beispiel festgehalten haben: Fahrt durch Gotthard

und Tessin zügig. Verdacht, dass uns Gesprächsstoff

ausgehen könnte, unbegründet! Autobahn durch N.-

Italien wie erwartet. Gelegentliche Blicke auf Rebberge,

schöne Landsitze, ausgedehnte Ländereien. Für

Kleinstaatler nicht uninteressant.

Auch könnte er notiert haben: Mächtige Alleen,

malerische Höfe gesehen! Oder: B fotografiert bei

Raststätte vorbeirasenden Laster. Aber dann dachte

ich, ein derart politischer Kopf wie Guy einer ist, wird

sich kaum mit solchen Banalitäten aufhalten.

Beim Aufbrechen warf ich noch einen Blick in die

Buchhandlung, die zu diesem Caffè San Marco gehörte,

aber ohne sie zu betreten. Bloss keine weiteren Bücher

kaufen! In meinem Koffer befand sich eine kleine

Balkanbibliothek.

Auf dem Weg zurück zum Albergo alla Posta, wo

wir übernachtet hatten, ärgerte ich mich dann über einen

Bettler, der mich aus meinen Gedanken riss und

von dem ich mich belästigt fühlte, weil er mich verfolgte.

Vor allem ärgerte ich mich darüber, dass ich

mich ärgerte. Ich wäre einfach gerne durch diesen Regen,

durch dieses strenge, ordentliche Triest spaziert

und hätte mir eingebildet, ich wäre James Joyce.

Wieder im Wagen und auf dem Weg aus der Stadt

hinaus, sagte Guy: «Sehr schön! Sehr schön!» Und

ich sagte, dass mich diese am Hang klebenden Villen,

 

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die Vegetation und alles an die Côte d’Azur erinnerten.

Als sich Meer, Bucht und Hafen unserem Staunen

wieder entzogen, beschäftigte sich Guy mit der

Karte, die er auffaltete, drehte, neu zusammenfaltete

und wieder drehte. Noch war unklar, welche Route wir

wählen würden, wir hatten keine Ahnung, was wir ins

Navigationssystem eingeben könnten, aber noch bevor

Guy auf der Balkankarte den richtigen Ausschnitt

gefunden hatte, waren wir an den stillgelegten Zollanlagen

vorbei, fast ohne es zu bemerken, über die

Grenze nach Slowenien gelangt. Ich weiss nicht, ob

dies von Bedeutung ist, aber als sich das konturlose

Niemandsland wieder in Landschaft verwandelte, fanden

wir beide, dass uns diese ziemlich vertraut vorkam.

«Ja, hier sieht es aus wie bei uns», sagte Guy

und schlug dann vor, nicht einfach über Zagreb und

Belgrad den ganzen Balkan hinunterzurasen. Lieber

würde er durch das Landesinnere von Kroatien und

dann über Banja Luka und Sarajevo fahren.

Sarajevo und kleinere Strassen, das ist ganz in

meinem Sinn! «Sarajevo, schon nur wie das klingt!»,

sagte ich kurz bevor ich bei einem Gasthaus in einem

kleinen Dorf ein Spanferkel sah. Es drehte sich in einem

grossen Grill an einem Spiess, und ich fragte, ob

wir nicht eine Pause machen und slowenisch essen gehen

wollten.

Guy war einverstanden, verzichtete aber darauf,

für sich selbst etwas zu essen zu bestellen. Als er

zu meiner Überraschung plötzlich ein Notizbuch auf

den Tisch legte und etwas aufschrieb, während ich

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den knusprigen Braten verzehrte, befürchtete ich, er

würde mich jetzt mit einer spitzen Bemerkung dafür

abstrafen, dass ich auf so etwas Appetit haben könne.

«Weisst du», sagte ich deshalb, «gestern Abend

habe ich noch dieses angebliche Kultbuch ‹Ausfahrt

Zagreb-Süd› von Edo Popovi? fertig gelesen. Dort

kommt das auch vor. Ich glaube, Spanferkel gehört irgendwie

zum Balkan.»

Das glaube er gerne, sagte Guy, und mit einem

Blick auf mein Glas: Aber diejenigen, die hier Spanferkel

bestellten, würden dazu sicher nicht Apfelschorle

trinken!

«Aber ich bin doch der Chauffeur», sagte ich, worauf

sich Guy dafür entschuldigte, nicht Auto fahren

zu können. «Schon gut!», sagte ich, «kein Problem»,

und anstatt zu sagen, dass ich diesen Tatbestand bewunderte,

sagte ich vermutlich, James Joyce habe bestimmt

auch keinen Führerschein besessen.

An der Grenze zu Kroatien…..

Ganzer Text erhältlich on demand.

 

 


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