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Das Ende des Reisens:, Going to Neaples., 16. März 2023

Das Ende des Reisens: Going to Neaples.

von Beat Sterchi – 16. März 2023

Neapel sehen und sterben – Neapel galt einmal als das Paradies dieser Welt. Aber im Zug werde ich das Gegenteil lesen. Es gebe keine hässlichere Stadt auf dem Planeten. Immer wieder werde Neapel mit New York verglichen, auch mit Kalkutta, wegen der Kriminalität, «wegen all dem Dreck», den man nicht in den Griff kriege. Neapel sei ein realitätsferner Alptraum, völlig unfähig die Gegenwart in akzeptabler Weise zu bewältigen.

Mit 15 Minuten Verspätung fahren wir in Domodossola los. Es geht runter nach Mailand.
Irgendwo wäre da die Isola Bella zu sehen gewesen, eine der Borromäischen Inseln, aber über dem Lago Maggiore hing der Nebel ebenso dicht wie zuvor im Wallis, wo wir beim Anblick von Visp und Brig noch ausführlich über Architektur und Städtebau diskutiert hatten. Auch über Putin und den Krieg hatten wir gesprochen. Im Simplontunnel kam dann das Wägelchen. Geschoben von einem Deutschen in SBB-Uniform und in leichtem Dauerstress. Er belehrte die Asiaten nebenan, sie befänden sich nicht in einem Flugzeug, sondern in einem Zug und deshalb sei sein Angebot halt bitte sehr nicht gratis. Er schenkte noch den üblichen Kaffee aus und wünschte uns sehr freundlich «stabile Festtage».
Gleich darauf hat er laut geflucht.
Diese Asiaten waren in Visp oder in Brig mit riesigen Koffern zugestiegen. Mit diesen hässlichen Schalenplastikkisten auf Rollen. Die standen jetzt im Zug wie Panzersperren und erschwerten dem guten Mann das Mini-Bar-Leben. Die blauen Koffer waren so riesig, dass man sich gleich fragte, wie das überhaupt gehen kann und wie sie die in den Zug rein bekommen haben, aber diese schmächtigen, freundlich lächelnden Asiaten, dieses auch immer wieder mal von seinen Bildschirmen aufschauende Paar hier links neben uns kam nicht auf die Idee, bei der Gepäckablage vielleicht selbst ein bisschen was umzuordnen, vielleicht mal ein bisschen was zu verschieben, sie hätten die Koffer ja nicht hochheben müssen, aber vielleicht mal die Leichteren ein bisschen aus dem Weg, um für die grösseren Platz zu machen? Keine so schwierige Sache, wie sich herausstellte.
Als sie wieder aufschauten von ihren Bildschirmen, immerzu lächelnd, sagten sie beide gleichzeitig: «Oh, thank you!» und ich sagte «No problem,» während ich dachte, so tüchtig wie es immer heisst, sind dann vielleicht doch nicht alle Asiaten, schon gar nicht die mit den überdimensionierten Koffern, die bekanntlich meinen, pro Tag bis zu drei europäische Grossstädte besuchen zu müssen.
Später im Hochgeschwindigkeitszug FrECCIAROSSA blockierte dann eine junge Dame, die eine grüne Maske trug, so kompromisslos den Durchgang, dass ich wieder an die Asiaten mit ihren unmöglichen Koffern erinnert wurde. Die Frau streckte ein Bein weit von sich, um bequem in ihrem Sitz hängen zu können. Derweil sass in unserem Abteil eine Dame auf Judiths reserviertem Platz am Fenster, die uns beim Einsteigen demonstrative nicht beachtet hatte, stattdessen mit mächtig aufgespritzten Lippen im Gesicht über uns hinweg ziemlich laut ein Gespräch mit ihrem Reisepartner weiterführte. Der sass schräg hinter uns auf einem Fenstersitz und machte auf seinem Display irgendetwas mir bunten Spielkarten. Ihre Sprache klang russisch und diese Dame soll, wie ich später von Judith erfuhr, einen Ring mit einem aufsehenerregenden Diamanten getragen haben. Ich staunte trotzdem vor allem darüber, wie man das hinkriegt, so absolut rücksichtslos über andere hinweg in einer fremden Sprache die grosse Röhre zu führen. Es war wie wenn sich in einem Restaurant zwei Gäste über die Nachbarstische hinweg um alle andern foutieren würden. Dass Judith nicht auf ihrer Reservation beharrte, versteht sich.
Umgestiegen sind wir im Tempelbahnhof Mailand, in dieser Kathedrale der Eisenbahn, und zwar bestiegen wir dort den Zug namens FRECCIAROSSA, also, wirklich ein ganz gewaltiges Ding dieser Rote Pfeil und wenn ich mich nicht irre, waren sogar zwei davon zusammengekoppelt worden, was die ganze Zugkomposition ungefähr so lang machte wie die halbe Strecke von Mailand nach Bologna und zurück oder fast.
Und es geht wirklich ab wie in einer Rakete.
Gemäss den Infos auf dem Bildschirm vorne im Wagen rasten wir meistens mit um die 250 km/h durch Italien hinunter und bestaunten wieder mal diese Märchenlandschaft, auch wenn über den Wiesen, Weiden, Feldern, Äckern und Alleen, über den Gehöften, Dörfern, Schlössern und Burgen der graue Schleier des Nebels hing.
Interessieren tat dies ausser uns aber sowieso niemanden, diese Hügelzüge mit den Wäldern und den Rebbergen schoben sich unbemerkt vorbei. Während man allgemein auf die Bildschirme der Smartphones starrte, versuchte ich zu lesen, diesem russischen Gespräch zum Trotz, das so munter über uns hinweg geführt wurde, dass es sich wohl eher nicht um den Krieg gedreht haben dürfte. Da waren auch immer wieder anmutige, in die Landschaft geschwungene Wege, die über Jahrhunderte gewachsen, wer weiss wohin führten.
Wege wie Spuren im Schnee.
Feldwege ins Nichts.
Wege eben.
Gut, auch verlassene Industrieanlagen hinter sieben Geleisen haben besonders im Nebel ihren Reiz. Einen hoch aufragenden Backsteinkamin sieht man immer gerne, auch wenn oben darauf kein Storchennest auszumachen ist.
Ich glaube es war in Reggio-Emilia, dass wir in einen sehr spektakulärem Bahnhof rausschauten wie in eine Rauminstallation aus weissen Betonträgern, bloss befanden wir uns nicht in einer Kunstgalerie, sondern noch immer im Zug und wurden auch wieder mit Kaffee versorgt, diesmal gratis. Die junge Dame mit dem Bein im Durchgang war inzwischen weggekippt und schnarchte ein bisschen unter ihrer grünen Gesichtsmaske und während ich den auch noch nicht unbedingt ausserordentlichen Kaffee trank, fiel mir auf der grünroten Hülle der mitgelieferten Serviette eine Trenitalia-Werbung auf: Più viaggi, più accumuli punti, was ich für mich ungefähr so interpretierte, dass man sich beim Reisen halt doch immer bereichert, indem man etwas dazu lernt, auch wenn ich bei unserem Aufenthalt in Milano gedacht hatte, dass diese Massenverschiebungen doch nur mehr sehr wenig mit Reisen im eigentlichen Sinn zu tun haben. Da waren nicht nur Tausende unterwegs, sie standen sich auch gegenseitig im Weg, um nicht zu sagen, auf den Füssen. Wie Esel waren sie beladen, schleppten Taschen und Tüten mit Weihnachtsgeschenken, Rucksäcke und Pakete jeder Art, bunte Tortenschachteln und in einer bauchige Tasche gestopft sah ich rot und weiss leuchtend, was nichts anderes gewesen sein konnte, als der Mantel für einen Weihnachtsmann, auf den irgendwo vielleicht schon gewartet wurde. Die halbe Stunde, die wir dort am Bahnhof verbrachten, reichte, um zu erkennen, dass auch in Mailand nicht alle im Luxus leben. Auch in Milano gibt es die unbehausten Gestalten, die rund um den Bahnhof ein bisschen Schutz vor Wind und Wetter suchen oder mit hohlen Händen die einen, mit ausgestreckten Plastikbechern die andern, um Almosen betteln. Andere lagen als traurige Bündel auf dem nackten, staubgraudreckigen Boden, in ihren zerfetzten Lumpen unbeachtet, ausgeschaubt, wie man das mittlerweile von überall her kennt und immer vergisst, hat man doch selbst ordentlich Bares dabei, edle Klamotten am Leib und vielleicht auch noch eine stylische Tüte mit einem chiquen Logo drauf am Arm und den prall gepackten Rollkoffer hat man schön bei Fuss wie einen braven Hund. Weil die Cafés überfüllt waren, gingen wir auch kurz raus, einmal um den Bahnhof, atmeten draussen etwas Mailänderluft, fühlten die grosse Stadt, die sich da ausbreitet, und auch hier liessen sie sich kaum fassen, die vorbeieilenden Menschen, die zahllosen Gesichter, von ihren Smartphones an- und umgetrieben, aber da greift eine Dame aus mit der freien Hand, stösst eine Glastür auf, bahnt für sich und für ihren Rollkoffer einen Weg und verschwindet bei Feltrinelli, wo ich hell beleuchtet die Bücherberge aufragen sehe wie die Alpen im Morgenlicht, das leselustige Publikum gibt es also auch hier und bitte schön: Auch einen Zeitungsverkäufer gibt es noch. Für den CORRIERE DELLA SERA halte ich ihm fünf Euros hin, er nickt und gibt ein paar Münzen zurück in das Gedränge, in die Eile der Grossstadt, wo auch das Überangebot an Eindrücken Rekorde schlägt: Aber dieser weisse Pelzmantel! Diese so hoch gesteckte, verrückte Frisur! Diese schlampige Art zu gehen! So ein grosser Hund! Wozu dieses Fahrrad im Gedränge? Und was soll der Schaal so lang, dass er über den staubigen Boden wischt! Und diese Schuhe! Wer trägt denn solche Klumpen an den Füssen? Und unter einer offenen Lederjacke doch tatsächlich noch ein T-Shirt mit der Aufschrift I LOVE NEW YORK.

Napoli (AFI: /ˈnapoli/ ascolta[?·info]; Napule in napoletano, pronuncia [ˈnɑːpələ])[6] è un comune italiano di 913 462 abitanti,[3] terzo in Italia per popolazione, capoluogo della Regione Campania, dell'omonima città metropolitana e centro di una delle più popolose e densamente popolate aree metropolitane d'Europa.

Da Wikipedia, l'enciclopedia libera.

Dann plötzlich dieser Platz mitten in Neapel: Schon wieder so viele Menschen, Kinder, Hunde! Weit hinten ragen ein Dutzend klassische Säulen auf, ein Prachtbau steht dort, vielleicht ein römischer Tempel und da rechts ein Steinkasten gross wie ein Berg, der königliche Palast. Und dort vorne himmelhochgebaute schmale Gassen, aus welchen heraus sie anspaziert kommen in Schwärmen, in Gruppen klein und gross, mit Kinderwagen, als Familien, als Clans aufgereiht, schlendernd, mäandernd, zu zweit, eingehakt, Hand in Hand, viele aneinandergeschmiegt, verliebt, mit einem Arm um eine Schulter, dort um eine Taille, mehrheitlich eher dunkel bis schwarz gekleidet, eingewickelt in Mäntel und Schaals, mit Kappen auf den Köpfen und unzähligen Arten von Mützen.
Die Neapolitaner! Die Neapolitanerinnen!
Wer hätte gedacht, dass es davon so grenzenlos viele geben könnte!
Sie kreuzen sich, schwenken ab, gehen nach links, nach rechts und sie reden und reden und sie rauchen, schwatzen vergnügt daher, telefonieren, starren auf ihre Displays, ein Gerät schmiegt sich in fast jede Hand. Sie tragen elegante, auch knallig kühne Kleider, schweben in offenen Mänteln wie Engel daher und andere finden auch auf zu hohen Absätzen leichtfüssig hinunter zu Meer und Strand. Gerade läuft dort ein Segelschiff ohne Segel aus, weit draussen liegt ein Frachter vor Anker, auch wird gleich ein Kreuzfahrtschiff auftrumpfen, weiss leuchtend wie eine göttliche Erscheinung aus dem Nichts und schon heben die Neapolitanerinnen ihre bunten Sonnenbrillen an, zeigen strahlende Augen, lächeln hinaus in die Bucht und in die Bildschirme an den ausgestreckten Armen und schauen auch rüber zum Vesuv, ihrem Vesuv, ihrem leicht umwölkten ewigen Vulkan. Und wieder bleibt man stehen, schaut um sich, lacht, verwirft die Hände, hebt die Schultern, verzieht das fragende Gesicht, als wäre man empört oder erstaunt, und redet und jemand ruft «Luisa! Luisa!» oder «Salvatore» oder «Gina! Attendere prego!», ja man hört sie gerne ihre klingende Opernsprache, die sie lieben und nicht aufhören können sie zu singen, zu reden und zu schreien und immer gibt es noch etwas ganz Wesentliches lauthals hinzuzufügen und geraucht wird fleissig und inniglich und als hätten wir vergessen, dass wir uns in Italien befinden, knattern Motorräder vorbei, und dazu all diese Hunde klein und gross, brav oder kläffend, mit wedelnden oder erhobenen Ruten hechelnd, hier und dort drüben auf der andern Strassenseite und sowieso fast überall.
Ah, die Neapolitaner! Ah, die Neapolitanerinnen!
Eben hatten wir mit Genuss von ihrem berühmten pechschwarzen Kaffee getrunken, aus kleinen weissen Tassen, wie es sich gehört, lieber hätte man uns zwar eine Pizza serviert, aber dort sassen wir am Ufer des nie abbrechenden Stroms dieses Volkes auf seiner feierlichen sonntäglichen passaggiata. Es war noch immer hell, sogar leuchtend mit wolkenfreien Flecken hier und dort am Himmel über Vesuv und blauem Meer.
Dass es auch noch Weihnacht war, hatten wir längst vergessen.

Also weder Kalkutta noch New York, sondern eine «wirre, widersprüchliche, gärende Stadt, in der Gewalt, Korruption und camorristische Infiltration die «sozialen Beziehungen zerrüttet haben», die aber trotzdem immer noch die einzige italienische Stadt mit hauptstädtischem Charakter ist.

Felice Piemontese: Die Herrschaft der Ratte (In: Neapel, eine literarische Einladung)

Im Höllencaracho hat man uns vom Bahnhof zum Hotel gefahren. Ein Ritt wider jede Vernunft durch die Nacht. Als wäre das Taxi ein Spielzeug in den falschen Händen, ging es auf der falschen Spur in der falschen Richtung durch enge Schneisen von Strassenschluchten und schwach beleuchtete, womöglich gesperrte Gassen, vor uns war da immer wieder ein Bus, eine wacklige Strassenbahn, ein anbrausendes Motorrad, dem im scheinbar allerletzten Moment gerade noch ausgewichen werden konnte und schon waren wir quietschend um eine Kurve an hohen, verstaubten Fassaden vorbei in einen Tunnel geraten, rasend schnell, an Abschrankungen, Bretterwänden und Gerüsten vorbei als wären wir Teil eines Autorennens quer über einen Bauplatz und mitten durch eine endlose Müllhalde. Berge von Abfall quollen in zerschlissenen Säcken aus zerschlissenen, teilweise auf die Fahrbahn gerutschten Containern und zeigte sich weit vorne ein Fussgänger auf der Strasse, war es, als würde der Taxifahrer noch mehr Gas geben, um ihn ja noch zu erwischen und natürlich wurde gehupt! Und natürlich tat der Fahrer so, als wäre das alles normal, verwirrt und meinen Augen nicht trauend, habe ich mich ihm ungläubig zugewandt und es war, als hätte ich die Herzen der Frauen auf dem Rücksitz pochen gehört.
Napoli! Napoli! Napoli! Napoli! Napoli!

Gut, wahnsinnig überrascht ist man nicht. Man war auch schon mal da gewesen, wenn auch vor vielen, vielen Jahren. In Erinnerung geblieben ist eigentlich nur das grelle Licht sehr heisser Tage im August und die Freundlichkeit des Fiatfahrers, der die beiden Autostopper von Brindisi nach Neapel hatte mitfahren lassen. Architekt war er von Beruf gewesen und mitgenommen habe er uns, weil er selbst in jungen Jahren sein Land auch nur per Anhalter hatte bereisen können.

Im Zug nach Pompei sass ich zwei jungen Asiatinnen gegenüber, die glotzten wie hypnotisiert mit rätselhaft leeren Minen auf die Displays ihrer Handys. Ich sah ihre matten Augen, ihre weissen Zähne in den offen stehenden Mündern, während immer mehr Leute zustiegen, langsam alle Sitze besetzten und den Wagen füllten und dann als wir rausfuhren, hinaus aus der Stazione Centrale, hinaus aus Napoli, vorbei an Fabriken, Lagerhäusern, Hafenanlagen, immer mit diesem Vesuv vor uns und immer mal wieder mit einem Blick auf das blau leuchtende Meer, starrten die beiden Asiatinnen weiter unverwandt auf ihre Bildschirme und dies auch als sich vor ihnen eine ebenfalls asiatische Familie niedergelassen hatte. Diese Familie hatte eine kleine Tochter dabei, ein süsses kleines Mädchen mit süssen Augen im süssen Gesichtchen und diese Augen wanderten herum und hinaus und sahen, was ich sah und das waren noch grössere Fabrikanlagen, noch mehr Baustellen und noch mehr Bauruinen und noch grössere Lagerhäuser, und endlos aufgetürmte Container, ganze Gebirgsketten von roten, blauen, grünen, gelben Containern und Wohnblöcken mit ihren Balkons einer neben dem andern, keiner ohne zum Trocknen aufgehängte Hosen und Hemden und Bettlaken und Tischtücher und in Leopardi wird wieder zugestiegen, quietschend und ächzend kam der Zug zu einem Halt, quietschend und ächzend schoben sich die Türen auf und wieder zu und jetzt steht dort eine Frau mit einem knallrot geschminkten Mund beim Eingang, starrt auf ihr Handy und kaut Kaugummi im Schnellgang und dann immer öfter jetzt etwas Grünes zwischen Wohnhäusern, verlassenen Fabrikgebäuden, einstürzenden Gewächshäusern, Bauruinen, immer öfter kleine und grosse Gemüsegärten und dann neue Treibhäuser und Hecken und Pergolas und Reben und Bäume so südlich, so gross, jeden möchte man umarmen oder wenigstens die aufstrebenden, ausladenden Schirmpinien fotografieren, und alles immer vor dem näher rückenden Vesuv, und dazu ratterte, kreischte, knirschte und rumpelte dieser lotterige Zug über die Geleise, als wäre er kurz vor dem Auseinanderbrechen.
Più viaggi, più accumuli punti.

Piazza Garibaldi

Via Gianturco

Portici Bellavista

Via Libertà

Ercolano Scavi

Tore de greco

Leopardi

Trecase

Villa Regina

Achtung! Ein Taxi! Pass auf! Du stehst auf der Strasse! Fotografiert habe ich, einfach so ins Blaue hinaus, einfach so die Gasse hinunter und auf der Piazza Gesù mache ich wieder ein Bild, eigentlich ohne den Mann, der sich gerade mit dem Handrücken über den Mund fährt, ins Auge zu fassen. Ja, auch hier schmeckt er, der Kaffee und die corneti sind buono und es ist im alten Napoli gar nicht möglich, beim Fotografieren nicht irgendwas Verrücktes im Bild zu haben. Eben setzt sich ein angeleinter Hund auf den Boden, um sich mit einer bandagierten Pfote im Halsfell zu kratzen, der Halter ist stehengeblieben und schüttelt den Kopf und ein paar Mönche gehen vorbei, über ihren braunen Kutten tragen sie Daunenjacken, unter welchen die Kordeln herausschauen und vor ihnen her im Schritt plampen und ein Grosser lachender Mönch trägt einen Rucksack, ein kleiner Dicker eine Computertasche und dort sitzt ein alter schwarzer Mann auf dem Rammstein, der an der schmalen Seitengasse die Häuserecke schützt, eine Vespa braust an, eine Tüte fällt zu Boden, der Schwarze hebt sie auf und ohne abzusteigen dreht sich ihm die Fahrerin zu, sogar mit Helm äusserst charmant wie sie sich bedankt, lacht und winkt und weiterbraust und wieder hupt ein Taxi, Handwerker in gelben Arbeitsuniformen steigen aus einem Lieferwagen der Stadtwerke. Na, bitte, das gibt es also auch, es bleibt nicht alles kaputt, Kanalisation und auch das Elektrische wird doch gewartet und in der Kirche Gesù Nuovo sehen wir wieder eines jener Wunder, die Gläubige vollbringen können, man hört die Jahrhundert raunen im himmelhohen Raum. Ein solches Bauwerk! Hätte unser Berner Münster Räder, man könnte es hier glatt reinschieben. Natürlich wird auch gebeichtet, auf einer Bank wartet ein Priester auf die Sünder, Kerzen brennen, viele Kerzen brennen und aus einem Seitenschiff dringt monotoner Gesang, eine Messe wird gelesen. Dann steht man vor dem hier aufgebauten Krippenspiel und traut seinen Augen nicht. Fantastisch ausufernd sprengt es schlicht jeden Rahmen. Es ist eine Krippenlandschaft. Ein ganzes Tal! Nein, es sind nicht bloss drei Könige und ein paar Hirten, die zur heiligen Stätte drängen, es ist diese Stadt, es ist Neapel, es sind ganze Familien, unzählige Figuren von Müttern und Handwerkern, Mägden, Pilgern, Bauern, Matrosen, Alten, Jungen, Reichen, Armen, Gesunden, Kranken, das Volk drängt aus allen Richtungen herbei, faltet die Hände, verbeugt sich, kniet nieder, um das Neugeborene anzubeten und nicht weit von der Kirche Gesù Nuovo reihen sich die Läden aneinander, die nichts anderes verkaufen als solche Figuren in Tausend Variationen: Esel, Kühe, Schafe und Menschen und Menschen, noch und noch, zum Aufstellen im heiligen Stroh rund um die heilige Familie im Stall von Bethlehem.
Leider vergass ich, nach einem «Caganer» Ausschau zu halten. Dieser kleine Bauer mit heruntergelassenen Hosen, nacktem Hintern, der irgendwo versteckt gerade einen Haufen macht, der als Krippenfigur so typsich ist für Katalonien, soll es hier unter dem Namen «Cacone» auch geben.

… ich beachtete noch immer die Vorsichtsmassnahmen, die mir meine Verwandten jedes Mal, wenn wir «in die Stadt» gingen, eingebläut hatten. Ich trug keine Armbanduhr, keinen Schmuck, keinen Fotoapparat. Die Brieftasche steckte nicht in der Gesässtasche, sondern hing an einer langen Kordel, versteckt unter dem Hemd, um den Hals. Niemals würde ich in einer solchen Gegend bei einem Bankautomaten Geld abheben oder mein Handy hervor nehmen.

Aus dem Roman «Spurlos in Neapel» von Franco Supino:

Hockte eben wieder eine halbe Stunde in einem klapprigen Taxi im Stau. Der Fahrer sagte kein Wort, krümmte sich mit starr ins Leere gerichtetem Blick über das Lenkrad wie tot. Ich auf den schmuddeligen, auch noch aufgeschlitzten Plastikschutz auf dem Rücksitz, fragte mich, was ich dort zu suchen habe. Wir steckten in jenem grauen Tunnel, für den ich schon seit dem Tag der Ankunft nur grenzenlose Verachtung übrig hatte. Ein menschenfeindliches Loch. Die Hölle. Motorräder surrten und dröhnten und klagten, während sie sich an der Kolonne vorbeidrängten, zwischen den Stossstangen, sich um die Wagen schlängelten, sich Lücken suchten, , dann aufjaulten und davonheulten, wenn sie eine gefunden hatten. Zuvor hatten wir minutenlang mit laufendem Motor neben ekligen Bergen von Müll und Schutt gestanden. Das war die Vorhölle. Gnadenlos ist man jedem Dreck ausgesetzt. Wobei dieses würdelose, halsbrecherische Rasen, dieses ganze eilige Getue des durchgeknallten Verkehrs mich als der Inbegriff der Hässlichkeit noch stärker durchwühlte als das Stehen im Stau.

Stell Dir eine Stadt vor
erbaut auf Verbrechen
Stell dir ihre Menschen vor
Beherrscht von Angst
Stell dir ein System vor
Vergiftet durch Korruption

Neapel Italien 2008

Keiner ist unschuldig
Nirgendwo ist man sicher
Keiner bleibt verschont

Aus dem Trailer zur Verfilmung des Romans von Roberto Saviano «Gomorrha», Reise in das Reich der Camorra den ich im Zug nicht gelesen habe.

Verhalten, dumpf der tiefe Schlag. So langsam. Vom gedrungenen, eckigen Turm herab geht die Totenglocke über den Platz, durch die Gasse und durch einen hindurch wie ein sanfter Schmerz. Von den Amerikanern total zerbombt, hat man die Klosterkirche Santa Chiara eher nüchtern wieder aufgebaut. Das Mittelschiff ist riesig und schlicht. Eindringlich hallen die Worte der Totenmesse aus der Tiefe heran. Weit vorne im hellen, weissen Raum breitet der Priester mit der roten Stola um den Hals die Arme aus, die Trauergemeinde betet …Dio Padre e Dio Figlio … Spirito Santo…und draussen glänzt und funkelt der Leichenwagen. Es ist ein grosser, schnittiger Jaguar. Während ich ihn fotografiere kommt ein weiterer, dumpfer, müder Totenglockenschlag vom Turm herab und jetzt geht eine Frau über den Vorplatz, die in ihr Handy schreit, dass sie jemanden, nie, nie mehr sehen will. Jetzt habe sie ein für alle Mal genug, jetzt sei Schluss, aber für immer! Weiter schreiend, schreitet sie davon, schwarz wie Siegellack glänzt der Leichenwagen in der Sonne und da auf der Gasse malt einer witzige kleine Alltagshelgen für das gaffende, träge, hungrige Volk, im Touristenmodus schiebt es sich vorbei, und dort schneidet einer aus Blech ganz ansprechende Fische und wieder einer sitzt neben bedrucktem Toilettenpapier, das er mit dem aufgedruckten Porträt des russischen Präsidenten verkauft, was auch Tochter Babette ziemlich geschmacklos findet, aber auch an Weihnacht in Neapel geht er weiter der Krieg und wieder dröhnt dumpf und lang ein Schlag der Totenglocke von Santa Chiara vom Turm herab.

«Heute schlich ich beobachtend, meiner Weise nach, durch die Stadt und notierte mir viele Punkte zu dereinstiger Schilderung derselben, davon ich leider gegenwärtig nichts mitteilen kann»

Goethe: Italienische Reise II. Neapel, März 1787

Aber, fragte ich, wäre das hier dein Lokal, würdest Du nicht zum Besen greifen und wenigstens vor der eigenen Tür ein bisschen sauber machen? Aber bitte! Wir sind in Neapel! So die kurze Antwort. Es war allerdings Heiliger Abend gewesen und vor dem Traditionslokal Umberto, wo wir eine Reservation hatten, war die Gasse schuhhoch zugemüllt, wie man sich das wirklich nur hier vorstellen kann. Plastikbecher, Servietten, vergessene Tasse und Gläser, Scherben, Zigarettenschachteln, Petflaschen und kein Schwein bemüht, die Spuren der Fete des Vortages zu beseitigen. Drinnen war es in Ordnung, tipp top dieses Weihnachtsmenu, aber bei der engen Bestuhlung doch verdammt teuer für derart unbequeme Plätze und das Schönste war vielleicht die Kunst: Auch hier drehte sie sich um den Vesuv. Oh Vesuvio mio! Hier hing er bunt und dutzendfach quer aufgeschnitten, einmal mit, einmal ohne Rauch oder Wolke, blau und rot und rot-blau und grün und orange, aber immer reduziert der schwarze Ausbruch aus der bekannten Form des Kraters, immer mit Sicht in den tief in die Erde hinabgreifendem Schlund, der vielleicht schläft, aber noch immer lebt und droht.

Gibt es in Neapel eine Organisation die mit Addiopizza in Sizilien vergleichbar ist?
Ja, es gibt ähnliche Organisationen wie Addiopizzo in Neapel. Eine davon ist die Antimafia-Bewegung “Libera Terra” (Freies Land), die sich gegen die Mafia und organisierte Kriminalität einsetzt1.

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Und natürlich stammte der Wein, den wir tranken, von den fruchtbaren Hängen des Vesuvs und natürlich besuchten wir nicht nur das Restaurant Umberto, sondern auch die grössenwahnsinnige Galleria Umberto I, in der zwar bis auf ein Café alle Läden geschlossen waren, Plumelli ciuso! A Palumbo ciuso! Vor dem Schaufenster das Rollgitter, aber in dem Prachtbau ist alles blitzsauber, strahlend, man traut seinen Augen schon wieder nicht.
Und gleich gegenüber die stolze Oper mit so viel Geschichte in die Fassade geschrieben! Neapel war auch mal Hauptstadt der Oper, sage ich. Schon gut, sagte Tochter Maxine, aber Madrid, wo sie wohnt, sei trotzdem zehnmal zivilisierter, habe sie doch eben wieder bis hier her kein einziges Cafè gesehen, das einladend gewirkt hätte, da gebe es sogar Orte, die würden sie niemals betreten, doch überall gross ist die Lust am Essen, hier gibt es immerhin die beste Pizza der Welt und wo bitte schön haben sich die Spaghetti und die Spaghettoni und die Spaghettini in Italien zuerst so richtig breit gemacht? Natürlich in Neapel, aber unser Kellner, hat offensichtlich seinen Beruf verfehlt, überlässt uns dem duseligen Geplärr aus versteckten Lautsprechern, liegt wie ein Sack auf der Theke, den Kopf mit einer Hand aufgestützt über sein Smartphone gebeugt, wo er spielt oder dealt oder verkuppelt oder was weiss ich, anstatt uns die Bestellung zu bringen, die in der Anrichte erkaltet. Dann verwechselt der Trottel die Pasta und die Pizzen, bringt auch sonst alles durcheinander, aber auf die Rechnung müssen wir nicht lange warten, die bringt er gerne, wenn auch ohne jede Spur des sonst so verbreiteten Charmes. So eine Nullnummer. Der hat uns gesehen.

Neben Reizbarkeit und dem Hang zur Gewalttätigkeit ist es dabei vor allem die Neigung zum Müssiggang und zum leichten Leben, die in den Reiseberichten immer wieder thematisiert wird. Dabei neigen aufgeklärte englische und französische Beobachter eher als deutsche Autoren dazu, die angebliche «Faulheit» der Lazzaroni nicht einem allgemeinen Volkscharakter zuzuschreiben, sondern der Desorganisation und Rückständigkeit der absolutistischen Monarchie.

Dieter Richter: Neapel, Biografie einer Stadt

Die Parade der Gäste aus aller Welt am Buffet mit ihren je nachdem wohl erzogenen oder unmöglichen Kindern wird uns entgehen. Heute wollen wir in der Stadt frühstücken, werden den freundlichen Morgengruss und das herzliche Lächeln der dunkelhaarigen Kellnerinnen mit ihren makellosen Manieren und ihren stolzen römischen Gesichtern missen. Dafür bleiben uns ein paar bis in die Unansehnlichkeit verjüngte Fratzen erspart, auch die grotesk verschönerten Bodies, die auf saloppen Klamotten in grossen Buchstaben Markennamen rumtragen wie Trophäen, während sie sich ihre Eier, ihre Brötchen, ihre Säfte zusammensuchen. Ich kann die vielen hier ausgestellten Zeichen nur schwer deuten, die Status und Klasse vorgeben, da müsste man sich besser auskennen in Süd-Amerika und überall sonst in der Welt, aber der Diamant, der Diamant der ach so netten Dame ohne Anstand im Zug sei bestimmt ein Vermögen wert gewesen, sagte Judith und leider überwiegt auch hier nicht immer der gute Geschmack.

Vor vielen Jahren, seien sie nach der langen Reise abends in Neapel angekommen, hatte Freund H. berichtet. Zu Ihrer Erleichterung hätten sie auch gleich gegenüber vom Bahnhof eine Pension gesehen. Sie konnten sich aber beim besten Willen nicht vorstellen, wie sie dort rüberkommen sollten, so haarsträubend unbändig sei der Verkehr gewesen. Sie hatten einfach keine Ahnung, wie man diese Strasse unversehrt überqueren könnte.
Später, sagte Freund H., später habe er es rausgefunden. Andere haben es ihm vorgemacht. Man macht es wie Moses am Roten Meer. Man schreitet voran. Unbeirrt, zuversichtlich. Und siehe da, wie sich vor Moses die Fluten teilten, hält der Verkehr inne, lässt die Fussgänger passieren. Nie sei er während seines Aufenthalts in Neapel Zeuge eines Verkehrsunfalls geworden.

Vor dem geöffneten Fenster steht am Horizont der Vesuv und es zeigt sich das Meer. Containerschiffe liegen bunt vor Anker. Eines läuft aus. Und unmittelbar vor dem Hotel noch mehr Hundehalter, Joggerinnen, Rad- und Rollbrettfahrerinnen und wie immer dabei auf dem Lungomare diese virilen Alten im ausgreifenden Schritt mit den braungebrannten Gesichtern von Hochseekapitänen oder Spitzensportlern, dazu die langen Mäntel betagter Damen leicht aufgebläht in der Brise vom blauen Golf, knapp die schwarzen Miniröcke der Mädchen im Ausgang, sie führen sie vor, die Hunderttausend Arten sich zu bewegen, so viele knallrote Lippen, so viel Liedschatten, so viel Schmuck und Schminke, so viele Beutel, Schultertaschen und Täschchen, so viele Mini-Taschen und dazu auch noch so viele Super-Mini-Mini-Taschen von Gucci oder von Dings oder von Bums. Man hat ja einfach so keine Ahnung ….. Oh, der Kinderwagen! Scusi! In dieser Stadt scheut niemand den Aufwand beim Auftritt auf die grosse Bühne der Strassen, Gassen und Plätze: Die modischen Kopfhörer, die Tücher, Hüte, Kappen, Mützen, Tschäppel nehmen kein Ende und gopferdeckel immer das Smartphone am Ohr oder weit ausgestreckt, Bilder sammelnd, wie um der Welt den Puls zu nehmen, in alle Richtungen alles ab- und aufsaugend und am Ohr frei sprechend und lachend und jetzt umarmt man sich, beklopft sich, zwei andere lichten sich gegenseitig ab, zeigen sich auch gleich die Bildschirme mit dem Resultat und dort verjagen kleine Kinder die Tauben und auch immer wieder zwei die sich streiten, fluchen, schreien auf der Gasse, hier und dort und auf dem Lungomare, sie geht drei Schritte hinter ihm, aufgebracht, die Arme verwerfend. Porca miseria! Er ganz ruhig, als kenne er sie nicht, schlendert er der Uferballustrade entlang, schaut hinaus auf das blaue Meer. Sie schreit wieder, porca miseria, und ich lege auf dem Hotelbett das Mafiabuch aus der Hand, sehe wie sie ihn am Arm schüttelt, sehe auch eine Möwe, und noch eine, dann ein Flugzeug und über dem Vesuv eine Wolke, die überhaupt nicht aussieht wie ein Hut, schon gar nicht wie ein Herz.

50 gMozzarella
2Tomaten
2 DosenSardellenfilets (ca. 100 g)
2 ELKapern
100 gschwarze Oliven
2 ELgetrockneter Oregano
wenigPfeffer

Pizza Napoletana Betti Bossi

Dem gedruckten Reiseführer ist er zwar nur ein paar schäbige Zeilen wert, aber Neapel hat einen begehbaren Keller zu bieten. Im Napoli Sotterranea kann man durch das Unterbewusstsein der Stadt spazieren. Schon bei den Griechen und den Römern hätte es seinen Anfang genommen.
Die Wendeltreppe über die wir hinuntersteigen in dieses System von Kavernen und Kanälen nimmt kein Ende. Es wird ungemütlich grau, braun, farblos. In bis zu 60g Meter Tiefe brach man hier den Tuffstein, holte ihn herauf zum Errichten der Häuser, Kirchen, Festungen. Flüsse hat man in diese Löcher geleitet. Der Wasserversorgung hat die labyrinthische Unterkellerung gute Dienst geleistet. Flüsse wurden umgeleitet, in jedem Haus gab es einen Brunnen durch den mit den hochgezogenen Eimern auch Geister aus der Tiefe kamen.
Es wucherten die Mythen, Legenden entstanden, in der Nähe von Kirchen dienten die Unterhöhlungen der Steinbrüche auch als Grabstätten, in welchen man eigene Totenkulte und Rituale zelebrierte. Anstatt die Leichen zu vergraben oder verbrannt und eingeäschert gehen zu lassen, wurden sie aufgebahrt blieben Angehörigen zugänglich, wurden immer wieder besucht, es wurden schräge Bräuche gepflegt, die sehr spezielle neapolitanisch waren und ausarteten, bis der Papst ein Machtwort sprach.
Die Dimensionen der unterirdischen Stadt sind in der Tat schlicht gigantisch, was natürlich zu Neapel gut passt, ebenso wie die Tatsache, dass man die Kellergewölbe, nachdem sie im Krieg als Luftschutzkeller gedient hatten, schon bald als Mülldeponien missbrauchte. Neapel bleibt immer Neapel.
Auf der Führung quetschten wir uns auch durch einen 20 m langen Tunnel, wohlverstanden 40 m tief im Untergrund, und ich war erstaunt, dass ich nicht in Panik geriet oder nicht von noch stärkeren klaustrophobische Gefühle befallen wurde.

Bespiele solcher Genügsamkeit und aufmerksamen Benutzens dessen, was sonst verlorenginge, gibt es hier unzählige. Ich finde in diesem Volk die lebhafteste und geistreichste Industrie, nicht um reich zu werden, sondern um sorgenfrei zu leben.

Goethe: Italienische Reise II. Neapel, März 1787

Die Sängerin im gelb-roten Kleid strahlt mich an, ihr Partner wahrt den Überblick und spielt schön auf den Saiten mit fröhlichem Schall. Ein Lied soll ich mir wünschen! Jemand sagt, aber O sole mio, haben sie doch dort drüben eben gerade gespielt. Sie spielen es trotzdem. Für mich. Sie singt wunderbar, ihre Augenbrauen gehen hoch, die Stimme bebt, auch die Arme gehen mit und die Gitarre gibt alles her, es wird angesungen gegen den Lauf der Welt und dies mitten drin im grossen Restaurante Zi Teresa. Der Geräuschpegel! Die vielen Stimmen! Das Gelächter überall. O Sole mio. Das Gesamtkunstwerk Essen, alle sind wie losgelöst von Arbeit und Alltag wie auf einem Schiff auf hoher See, alle auf dem Weg ins Schlaraffenland, alle gut drauf, gesellig, sich unterhaltend, kauend, trinkend, feiernd. Wie traumhaft schön das sein kann, so eine Haufen Neapolitanerinnen, die einen Spritz, ein Bier oder schon etwas Wein getrunken haben. Schön ist das, sogar wenn sie penetrant laute Stimmen oder sehr schmale Münder haben, wie der Mund der jungen Frau, der sich gerade verzieht zu einem schiefen Schlitz, wenn sie die Frites kaut, die sie sich vom Teller des Töchterchens schnappt und sich voller Wonne zwischen die Lippen schiebt, die ihr ganz offensichtlich auch schmecken und was anderswo vielleicht als zu viel des Guten oder gar als aufgetakelt gilt, das alles ist hier am Hafen die Regel, und da bei den Damen, die uns bedienen, das ist auch wieder diese freundliche, unübersehbare wunderbare Kraft. Die ältere der Damen ist zweifelsfrei von hier, die jüngere aber stammt aus der Ukraine, ist geflüchtet vor dem Krieg, beide aber sind so herzlich, beide äusserst kompetent, denen macht niemand etwas vor und ihre Tüchtigkeit steht ihnen so gut an, dass es für sie und für uns eine Freude ist.

Und nachts, wenn alle Geschäfte geschlossen waren, wenn man an Obdachlosen in Kartonbehausungen und ihren Hunden vorbei gehen musste, mied ich Forcella sowieso. Bestimmt, dachte ich, ist das eine längst überholte Panik. Viele Touristen spazieren inzwischen völlig unbeeindruckt zu jeder Tageszeit durch Forcella, und es gibt Neapolitaner, die behaupten, die Gefahr, dass einem hier ein Stück Stein aus einer Fassade auf den Kopf falle, sei massiv grösser als die, Opfer eines Taschendiebs zu werden.

Aus dem Roman «Spurlos in Neapel» von Franco Supino:

Dort zieht noch so ein tollpatschiger junger Hund mit weissen Pfoten und mit Lampiohren an der Leine. In der nächsten Gasse quält sich ein anderer Neapelhund mühsam voran. Er ist wohl schon etwas in die Jahre gekommen mit den grauen Flecken im Fell. Jetzt bleibt er zurück, bleibt stehen, keucht. Prego! Prego! sagt die Halterin mit viel Geduld, während über ihr an einem Seil ein blauer Plastikeimer hinaufschwebt, hinauf zwischen den sich eng gegenüberstehenden Hausfassaden.
Wer den Eimer hochzieht, ist nicht zu sehen, aber mit angelieferten Einkäufen gefüllt, segelt er an den Balkonen mit der ausgehängten Wäsche an Hemden und Hosen vorbei, hinauf zur dankbaren Kundschaft, und schon wieder denke ich, in Napoli weiss man sich zu helfen, in Napoli richtet man sich ein, denn gleich da hinten um die Ecke hat vorhin einer auf seinem Roller zwei Gasflaschen angekarrt. Zwei sperrige, schwere, eiserne Behälter, unglaublich eigentlich, kaum nachvollziehbar, wie er das schaffte, auf diesem Roller! Aber am nächsten Tag sehen wir wie einer auf dem Sozius seiner Vespa eine ganze Beige Ziegelsteine durch die Gasse karrt und völlig ungläubig staunend sitzen wir dabei, wie sich vor einem Café, der Wirt, der uns eben bedient hatte, mit einem Corneti und einem Cappuccino im Pappbecher mit Deckel zur einhändigen Hauslieferung aufmacht. Ohne Helm braust er los. Mit nur einer Hand an der Lenkstange umkurvt er viel Volk auf der Gasse. Er ist auch gleich wieder da, als wäre nichts und auf meine Frage nach dem Helm, fragte er zurück, woher ich sei.
Svizzera? Er lacht. Piu viaggi piu accumuli punti ! Hier sind andere Sachen wichtig.

Heute, den 3. März, ist der Himmel bedeckt, und ein Sciroccowind weht; zum Posttage gutes Wetter. – Sehr gemischte Menschen, schöne Pferde und wunderliche Fische habe ich hier übrigens schon genug gesehen.
Von der Lage der Stadt und ihrer Herrlichkeiten, die so oft beschrieben und verlobt sind, kein Wort. «Vedi Napoli e poi muori!» sagen sie hier. «Siehe Neapel und stirb!»

Goethe: Italienische Reise II. Neapel, März 1787

Ohne Manöver schaffte es das Taxi nicht um diese Kurve, um diese Kurve in den Serpentinen mitten in der Stadt. Auch bei der nächsten Kurve muss der Taxifahrer anhalten, muss einmal zurück, einmal vor, noch einmal zurück, so eng ist die Strasse, die uns Zeit lässt, zu sehen, dass diese Häuser hier keine Häuser sind. Es sind selbstbewusste Wohntiere, denen man zutraut, dass sie sich selber entschieden haben, genau dort zu stehen, wo sie stehen. Wie Katzen haben sie sich vor Tausend Jahren dort an der Sonne hingehockt, um sich nie, nie mehr wieder wegzubewegen. Diese Häuser wissen ganz genau, wo sie wohnen, lachen auch unbemerkt über alle, die nicht wissen, wo sie sich befinden, die diese Luft nicht zu atmen verstehen, die sich gedankenlos der Eile hingeben, ohne zu erkennen, wer sie sind. Dort hoch oben, im vierten Stock müsste man auf diesem Balkon sitzen können, man würde auf das Meer und die Inseln hinausschauen und würde sehen, wie es war, das Paradis, das ich später im Traum immer wieder zu sehen bekomme , denn ich fahre abermals an den stolzen Häusern vorbei die kurvenreiche Strasse hoch, sehe diesmal auch die blitzblanken Vitrinen eleganter Geschäften, vor welchen adrett gekleidete Damen und Herren aus edlen Autos steigen und würdevoll durch Türen schreiten, die ihnen von livrierten Dienern mit einem Knicks geöffnet werden und weil plötzlich alle Widersprüchlichkeiten verschwunden sind, bin ich beglückt, bewundere ihren Stil und ihren guten Geschmack und wieder sehe ich im Hintergrund auch den Vesuv und das Meer und träume ich sässe staunend weit vorne, ganz nahe bei der Leinwand in einem schwarz-weissen italienischen Film, von dem ich hoffe, dass er nie nie zu Ende gehen wird.
Neapel sehen und sterben.

Mare da calmo a mosso per tutta la giornata. Nel dettaglio, al pomeriggio mare poco mosso, alla sera mare mosso, nella notte mare calmo. Venti moderati provenienti dai quadranti sud occidentali nell'arco di tutta la giornata con un'intensità che potrebbe arrivare fino a 14.8 km/h.Meer ist calmo, mosso oder agitato.

MeteoMar Napoli - Previsioni Mare e Venti

Die Leute, unter denen wir sitzen, wischen sich mit rot-weiss karierten Servietten über den Mund, lachen und lehnen sich vergnügt zurück. Beim Sprechen heben sie oft die Arme an oder verwerfen sie, als erklärten sie ihrem Gegenüber gerade, dass das, was er gerade gesagt habe, ganz und gar nicht stimmen könne. Aber das kann ja nicht dein Ernst sein, höre ich jemanden sagen, weil es aber sehr wohl dessen Ernst ist, wird es laut, dass sich jetzt jemand schrecklich ereifert, ist nicht auszuschliessen, aber an einem andern Tisch, um den sich zwei Frauen, in welchen ich zwei Schwestern vermutete, gut gelaunt mit fünf kleinen Kindern niedergelassen haben, steht jetzt eine der Frauen auf, begibt sich, ohne das laut und fröhlich geführte Gespräch zu unterbrechen, graziös als wäre sie Sophia Loren um den Tisch herum, um stehend, dem dort sitzenden Mädchen, dem kleinsten der Kinder, die Pizza in kleine Stücke zu zerschneiden. Gleichzeitig erhebt hinter uns wieder ein hingebungsvoller Sänger seine Stimme und natürlich schmeckt der Wein und die in ihrem Sugo rötlich glänzenden Spagetti wickeln sich um eine Gabel hier und in in einer anderen Richtung um eine andere Gabel dort und der übergewichtige Kellner mit dem verschmitzten Lächeln im Schnurrbart und dem weissen Tuch über dem Arm schaut tatsächlich allen kurz in die Augen und fragt: Tutto a posto? Und wie aus einer Kehle kommt die Antwort: Tutto bene! Später nach Eis und Kaffee, dopo il gelato alla vaniglia, hallen die Lieder auf die Gasse hinaus, vermischen sich mit dem Konzert der Absätze, war das vielleicht ein super Sänger, und wieder diese unheimlich aufragenden Häuser, Balkon über Balkon, will man sie zählen, beginnt der Nacken zu schmerzen und hier unten in dem grossen, grün getünchten, grossen Tor geht wieder eine dieser kleinen Türen auf, eine kleine Tür, die aussieht als wäre sie später hineingesägt worden, fast wie eine geheime Klappe zu einem Versteck und der Mann, der über die kniehohe Schwelle raus auf die Gasse steigt, kommt überhaupt nicht aus einer Höhle, trägt Mantel, Hut und Schaal und auch die Dame, die er jetzt grüsst, will überhaupt nicht zu den verwahrlosten, besprayten, bröckelnden Fassaden passen, schon gar nicht zum herumliegenden Müll, adrett und aufrecht und mit ihren ausgesuchten Taschen bepackt wie ein Soldat macht sie sich auf in den Strom der Stadt, schreitet aus unter der weit oben an den vielen Leinen wehenden Wäsche hindurch, kommt auch im Gedränge leichtfüssig, spielend und lächelnd, an allen Passanten, an allen Touristen auch an uns vorbei.

Und wieder geht mir der Mann mit den zwei Gasbehältern auf dem Roller durch den Kopf, aber auch der Wirt kommt mir immer wieder in den Sinn, der mit seinem Motorrad einhändig im Quartier einen Cappuccino auslieferte und sowieso jener Kellner aller Kellner, der alleine und wie nebenbei eine ganze Trattoria voll Gäste bediente, das ganze Lokal mitsamt Terrasse, jederzeit Ruhe und Übersicht wahrte, sogar noch Zeit fand, seelenruhig nebenan auf dem Trottoir mit einem Nachbarn plaudernd, eine Zigarette zu rauchen.
Immer wieder sehe ich auch eine junge Frau am Steuer, sehe, wie sie keck aus der unmöglichsten schiefen und schmalen Ausfahrt heraus auf die dicht gedrängten Passanten in der Gasse zufährt und wie diese Menge von Leuten sich wie selbstverständlich teilt, wie abgesprochen lässt man den Wagen passieren, keiner und keine reklamiert, alles cool, so cool und entspannt oder der kleine, losgeleinte Hund, der auf dem überfüllten Platz vor dem Palast durch die Massen hindurch, durch die unzähligen Beine hindurch seinen Leuten folgt und das Mädchen mit dem Rucksack, aus dem ein anderer kleiner Hund rausschaut, als hätte er genau wie ich einen Beobachtungsauftrag. Und ich sehe wieder die grossen Rundtore, durch die einst Pferdekutschenfuhren, ich sehe auch wieder einen Eimer der an einer blauen Plastikschnur herunter kommt und mit frisch gelieferten Einkäufen gefüllt wieder zwischen den Balkons hochschweben, ich sehe ihn gleich noch einmal, weil ich etwas weiter vorne nicht anders kann, als abermals zu den obersten Stockwerken der prunkvoll gebauten Häuser hinaufzustarren, die gerade von der Sonne beschienen werden und von wo aus man wieder Vesuv und Meer, Bucht und Golf, alle Inseln und alle Schiffe im Hafen sehen würde.

Diego Armando Maradona Franco[1] (* 30. 10. 1960 - † 25. November 2020) …. schloss sich 1983 der SSC Neapel an, erneut für eine Rekordablösesumme. Mit dem Underdog aus Kampanien, der vor seiner Ankunft dem Abstieg nahe war, feierte er zwischen 1984 und 1991 die größten Erfolge seiner Vereinskarriere, darunter die einzigen Meistertitel des Vereins 1987 und 1990 sowie den Gewinn des UEFA-Cups 1989.

Nie werde ich Neapels zum Trocknen aufgehängt Wäsche vergessen, innen ist aussen und aussen ist innen und sie hängt von allen Balkonen, nicht auf drei oder vier, nein auf acht oder meh Stockwerken.
Ich höre auch noch immer wieder Begräbnisglocken und auch die Frau, die in ihr Telefon schreit: Ich will Dich nie mehr sehen, und ich sehe die vielen Kinder und die jungen Pärchen, bei denen man nicht weiss, ob es nicht auch noch Kinder sind, obschon sich die Mädchen schminken und kleiden wie Frauen und vielleicht sind sie keine 12 und noch sehe ich diese besondere Art zu gehen, die Kraft in den Beinen, die auf den Gradoni, den vielen Treppen im spanischen Viertel und anderswo gestärkten Waden und ich sehe die Läden, die ihre Auslage in die Gasse hinaus wuchern lassen, so weit hinaus, dass kein Motorrad, kein Roller mehr durchrasen kann und es dann doch jeder tut und wie der schlaksige Kellner, der es genoss, sein English an uns auszuprobieren, das in Wirklichkeit wohl kaum besser war als mein inexistentes Italienisch, wie er, als er uns erklären wollte, wo er wohne, fragte er: You know where is big Maradonna Picture? Das berühmte und gelungene Mural haben wir zwar gesehen, haben ihn auch verstanden, haben aber andere, fast so riesige Bilder von Maradonna gesehen und bemerkt, dass er sich schlicht übrall rumtreibt, überall zuhause ist, überall geliebt wird, immer lachend, immer im Schuss oder im Flug wie der Gott, der er ist in Neapal.

Auf T-Shirts Hüte Maradonna überall

Und wie man sagt, dass eine, dem ein Gespenst erschienen, nicht wieder froh wird, so konnte man umgekehrt von ihm sagen, dass er nie ganz unglücklich werden konnte, weil er sich immer wieder nach Neapel dachte. Ich bin nun nach meiner Art ganz Stille und mache nur, wenn’s gar zu toll wird, grosse, grosse Augen.

Goethe: Italienische Reise II. Neapel, März 1787

Stoisch stehen ein paar Fischer da und Verliebte sitzen und umarmen sich im Finstern. Und am Vorabend der Abreise haben wir auch noch ganz nahe am Wasser am Meer abends Nastro Azzurro getrunken. Bella notte, hatte die Verkäuferin am Getränkestand gesagt und in Ufernähe schaukelten die Yachten und Fischerboote, weiter draussen warteten die Frachter mit ihren Containern auf die Abfertigung und leuchteten in die Nacht wie Weihnachtsbäume. Und schon bald darauf standen wir mit wie gewünscht mit den Bigleti en mano bei der Abschrankung vor den Geleisen in Neapel Centrale. Der uniformierte Beamte, der uns anherrschte, doch bitte die Fahrkarten in den Händen bereit zu halten, lächelte gleichzeitig äusserst freundlich einem Kind zu und wenn man anfängt anzukommen, wartet wieder der rote Pfeil, zuvor hatte es aber noch ein Missverständnis gegeben, was die Abfahrtszeit des Zuges betraf. Plötzlich schaute der von der Rezeption bestellte Taxifahrer vor dem Hotel besorgt auf die Uhr. Es war ein älterer, hagerer, scheinbar wortkarger Mann, der uns dann mit quietschenden Reifen durch das Hafenviertel fuhr, dabei nicht davor zurückschreckte, eine blau vor sich hin rumpelnde Strassenbahn im

Taxi zwei: Dann das Tram, das nicht aus den Schienen kann, aber er ist ihm spielend ausgewichen, der könnte auch einhändig Vespa fahren..

auf der Seite des Gegenverkers zu überholen. Ein Bus kam dort auf uns zu, rasend schnell, aber ich lachte, ich wusste genau, dass er ihm ausweichen können wird, auch dem Wagen dahinter und dem Motorrad sowieso, ich genoss die Sicht aus dem dahinrasenden Taxi auf die Schiffe im Hafen, die Beschleunigung des Motors mitten in der Stadt, zwischen Verkehrskolonnen und Tramhalstestellen war Musik in meinen Ohren, ich wusste auch, dass diesmal die Damen in im Fonds unser haarsträubendes Rennen nach Napoli Centrale mit einem amüsierten Lächeln, einander zuzwinkernd geniessen würden wie einen Ritt auf der Achterbahn. Wow! Hast Du das gesehen? Wie durch die Butter raste er um die Ecken, ohne mit einer Wimper zu Zucken schnitt er einem andern Taxi den Vortritt ab und als er beim Bahnhof schon am Abbremsen war und ich ihn fragte, ob er vielleicht mit Namen Fittipaldi heisse, lachte er: No, I am Marradonadriver. Piu viaggi piu accumuli punti! Und als er uns alle Koffer ausgeladen und ausgehändigt hatte, schloss er die Hecktür mit einem Knall, lachte noch einmal und sagte : Grazie E arrivederci.

Dem Stau entlang, 18. März 2007

Dem Stau entlang

von Beat Sterchi – 18. März 2007, «Die Wochenzeitung» Zürich

Es sei vorausgeschickt: Ich besitze auch ein Auto. Dennoch ist der Anblick schmerzhaft. Ja, es tut weh. Es ist Winter. Es ist Büroschluss. Die Prachtstrasse ist verstopft. Zwei, drei, vierspurig stehen die Prachtswagen mit dampfenden Auspüffen aufgestaut, bewegunslos. An der Thunstrasse tun sie es heute, sie tun es morgen Abend wieder. Der Fussgänger schlendert an ihnen vorbei, sieht sie vereinzelt in ihren teuren Interieurs sitzen. Er überholt sie alle. Es sind prächtige Karossen darunter, sündhaft teure Renommierstücke. Kraftvolle Motoren aus edelsten Werkstätten langweilen sich im Leerlauf. Auch auf Hochglanz polierte eigentliche Kriegsfahrzeuge stehen da und protzen mit ihrer überflüssigen Kraft. Soviel Stahl für so wenig Mensch.

Foto: Antonio Calanni/AP

Würden die Fahrer und Fahrerinnen alle kurz mal aussteigen, es wäre ein mittleres Grüppchen, keine halbe Strassenbahn voll. In ihren Karossen aber belegen sie die ganze Allee, eine gewaltige Fläche, zwei, drei Tramstationen weit bis hinunter zum Helvetiaplatz. Die Lichter nichts als blinde Augen in der Nacht. Es gibt kein Grund anzunehmen, die Lächerlichkeit des ganzen sei jemandem bewusst.
Was die Autoindustrie an technischer Entwicklung und und marktstrategischem Geschick in den letzten 50 Jahren an den Tag gelegt hat ist ja eigentlich unglaublich und wäre ans sich bewundernswürdig. Aber beim Abschreiten eines solchen Staus gibt es doch nur Unbehagen über unseren lächerlich peinlichen Umgang damit. Wir werden einfach nicht fertig damit. Gegenwärtig findet vielleicht da und dort wieder eine leichte Sensiblisierung statt, obschon man sich auch da nicht allzu grosse Illusionen machen sollte.
Es ist aber nur ein Frage der Zeit, dass wir kollektiv aus einem Alptraum aufwachen und uns über den durch unsere Mobiliät eingeleiteten Grad der Zersiedlung und die allgemeine Verwüstung unseres beschränkten Lebensraum schamvoll entsetzen werden.
Es wird höchstens noch ein paar Generationen dauern und man wird über Menschen, die sich so verhalten wie wir heute nur noch den Kopf schütteln.
Auch dass diese Leute hier in diesem Stau, grössteneteils darauf warten, hinaus ins sogenannte Grüne fahren zu können, in die die Ruhe auf dem Land flüchten, weil sie selbst die Stadt durch die Verkehrsbelastung teilweise ungemütlich bis unbewohnbar machen und dass das sich das dann steuerrtechnisch auch noch rechnet, wird eines Tages als derart absurd und lächerlich erkannt werden, dass man ruhig schon heute mit Lachen und hämischerweise auch ein bisschen mit Auslachen beginnen darf.

Going to Santiago, Ein Weg ausserhalb der Zeit, 18. März 1989

Going to Santiago Ein Weg ausserhalb der Zeit

von Beat Sterchi – 18. März 1989

Gehen. Darum geht es. Nur um das Gehen. Ich gehe.

Beharrlich gehe ich querfeldein. Ich gehe auf Hauptstrassen, ich gehe auf Naturstrasssen, auf Sumpf- und Saumpfaden, ich gehe auf Wegen aller Art.

Going to Santiago: Weg von Espallion nach Estaing
Going to Santiago: Weg von Espallion nach Estaing

Es führen viele Wege nach Rom, aber ich gehe in die andere Richtung, ich gehe auf dem Weg der Wege: Ich gehe auf dem Jakobsweg, auf dem Jakobsweg gehe ich nach Santiago de Compostela. Fünf Wochen lange gehe ich durch Dörfer und Städte. Durch Äcker und Felder und Weiden quer durch Spanien.

Ich gehe von morgens bis abends.

Manchmal bleibe ich stehen, schaue zurück.

Was?

So weit bin ich heute schon gegangen? Eben war ich doch noch in jener Stadt. Im Dunst am Horizont kann ich ihre Umrisse kaum mehr erkennen.

Ich gehe weiter, immer weiter.

Wenn ich meinen Wanderstcok nicht gegen kläffende Hunde erhebe, wenn ich ihn nicht als Stütze im Morast gebrauche, schlage ich damit den Takt. Bei jedem vierten Schritt stosse ich ihn neben meinen rechten Schuh in die Erde. Mein Stock verleiht mir Schwung; als wollte ich vom Boden abheben, drücke ich meine Fussgelenke durch, und mein Rucksack ist mir kein Gewicht, diese Steigung hier kein Hindernis.

Ich gehe über Stege und Brücken.

Ich gehe auf breiten, von Rädern gerillten Pflastersteinen. Der Glanz der Jahrhunderte liegt auf ihnen, ich gehe auf einem Wegstück, auf dem schon römische Legionen gingen.

Und da vorne, da ist ein kleiner Pass, gleich sehe ich über die Kuppe hinweg, und dann wird die Welt wieder grösser sein, stündlich wächst sie unter meinen Füssen. Was auf der Landkarte in meinem Kopf eben noch ein weisses Feld konturloser Erwartungen war, wird sich zu Steinen und Sträuchern, zu Dörfern, zu Menschen festigen.

Ich gehe.

Schritt für Schritt gehe ich weiter.

Manchmal bin ich nur noch, was ich sehe.

Ich bin der fliehende Vogel, der ins Gras hauchende Wind, der unter meinen Schuhen wegkollernde Kieselstein.

Manchmal bin ich nur der Schmerz meiner Blasen.

Und ich gehe unter der Pelerine im peitschenden Regen. Mittten in ein schändliches Gewitter bin ich gelaufen. Eine völlig durchnässte Gestalt in der baumlosen Landschaft, die stundenweit keinen Schutz bietet. Und ich versuche mich zu erinnern, wie man sich zu verhalten hat, um im offenen Gelände nicht vom Blitz getroffen zu werden.

Ich gehe mitten durch einen frisch gepflügten Acker. Die Schollen sind riesig, die aufgebrochene, feuchte Erde klebt an meinen Schuhen, hält mich zurück, verschlingt meine Kraft.

Oder ich gehe unter der gleissenden Sonne, ich gehe durch den Backofen, der Spanien sein kann. Es ist Wahnsinn, in so eine Ebene hineinzulatschen. Dieser Weg! Nichts als eine sich in der Weite verlierende, ausgedörrte Grasnarbe, zwei Krähen lachen. Am Wegrand nur Disteln, sonst links und rechts Weizen. Flach wie Saskatschewan. Ich sehe den ganzen Tag keinen Menschen. Ich atme durch die Nase, mein Mund ist ausgetrocknet. Die Feldflasche ist leer. Ich habe mich verlaufen. Stundenlang kein Brunnen, kein Dorf, aber dort, sind das nicht Häuser? Endlich Wasser, Schatten, eine Kneipe! Und ist das nicht …? Aber was aussah wie eine wunderschöne, runde, rote Coca-Cola-Reklame, ist aus der Nähe ein verrostetes Stassenschild am Eingang eines gespensterhaft leeren Dorfes. Die meisten Lehmmauern sind bereits eingestürzt oder am Abbröckeln. Kaum Schatten ist zu finden, keine Katze zu sehen.

Zu oft, viel zu oft gehe ich auf der Hauptstrasse. Wenn ich auf der Strasse gehe, ist mein Kopf überall und nirgends. Ich muss mich vor den Autofahrern hüten. Keinen halben Meter weichen sie von ihrer Ideallinie ab. Sie nageln mich an die Leitplanken, sie lassen mich aufgeschreckt zur Seite springen, sie bespritzen mich mit Kot.

Wenn ich auf der Strasse gehe, gehe ich über Leichen: Igel, Maulwürfe, Vögel, Echsen, Raupen, Mäuse, Dachse, Katzen, Käfer, Frösche, Hasen, Hunde, Hühner. Alle tot. Ich zähle sie schon sei Tagen nicht mehr.

Wenn ich auf der Strasse geh, bin ich nichts.

Durch ein Wirrwarr von Strassen stehle ich mich aus einer der viel zu schnell aus dem Boden gestampften Vorstädte. Anstelle von Gehsteigen unsäglicher Schutt, stinkender Müll. Ich gehe vorbei, werde angehupt, angeschrien. Ich spüre, wie ich in all der rasenden Hässlichkeit aggressiv, wie ich innerlich selbst asphalthart und zementgrau werde.

Gehen. Darum geht es.

Jetzt gehe ich über einen Pfad, der sich in der Ferne verliert, durch ein Feld voller Kerbel. Wie Sternenkonstellationen kommen mir die Anordnungen der gelben Blüten vor. Störche fliegen auf, ziehen Schleifen.

Oder ich gehe mitten durch ein Weizenfeld. So weit ich sehe: Weizen.

Ich hebe im Gehen meinen linken Arm, fühle, wie die Ähren unter meinen Handfläche wegstreichen. Mein Weg ist ein Fuss breit gestampfte Erde mitten im wogenden Brot. Das Wandern ist des Müllers Lust. Jetzt sehe ich die Abdrücke der Hufe eines Pferdes. Da rechts erkenne ich die Umrisse einer romanischen Kapelle, dort, weit vorne, über dem Weizen, kommt die Spitze des Kirchturms des nächsten Dorfes zum Vorschein.
Ich gehe wie ohne Gewicht, ausserhalb der Zeit.
Aber, wer heute für sich das Gehen entdeckt, hat deshalb noch lange nicht das Pulver erfunden.

Ein Pilger ist …
Bin ich ein Pilger?
Was sagt der Herr zum armen Kain?
Ein Pilger ist …

Hinter mir liegen das Hospiz und die Kirche von San Juan de Ortega in Kastilien. Sie wurden inden einst wilden, von Weglagerern unsicher gemachten Bergen von Oca zum Schutz der Jakobspilger errichtet. Zogen Unwetter und Nebel auf, halfen die drei Glocken im Turm den Schafen des Herrn zurück auf den Weg.

Noch heute kümmert sich hier ein Priester um das Wohl der Vorbeiziehenden. Er heisst José Maria, hat auffallend grosse Ohren und ein herzliches Kichern. Wenn er an sein Stumpen zieht, um den er Zigarettenblättchen wickelt, sieht er ganz unpriesterlich wie Lino Ventura aus.

Eine Knoblauchzuppe hat er gekocht. Die schmeckte vorzüglich. Und darüber, was ein Pilger ist, haben wir gestritten. Don José Maria liess weder esoterische noch politische oder gar grüne Morive gelten. Von einer möglichen Protestform der Jugend, die, aus ganz Euroa kommend, auf dem Jakobsweg Luft holt und gleichzeitig gegen eine immer absurder werdende Raserei angeht, wollte er schon gar nichts wissen. „Nein“, wettert er gutmütig: „Gehen mag für Körper und Geist sehr gesund sein, aber unser camino, so wird der Jakobsweg kurz genannt, unser camino ist kein Psychoseminar für den Sommerurlaub! Der echte Pilger, der glaubt! Und zwar an Gott!“

Aber jetzt, am Tag danach, habe ich es im Kreuz. Ich weiss nicht, ob es wegen des zu harten Lagers oder wegen der Nässe des gestrigen Gewitters ist.

Ich bin plötzlich ein Halbinvalider mit Blasen an untauglichen Füssen. Ich gehe nicht mehr, ich quäle mich unter meinem Rucksack voran, hänge an dessen Riemen, als wäre er ein Fallschirm. Ich bin ein Quasimodo, der sich nach Spanien verhumpelt hat, der kau die Kraft besitzt, die Drähte in den Pforten der Viehzäune zurück über die Pflöcke zu spannen.
Was stolpere ich durch diese verlassene Hochebene?
Wozu? Was suche ich hier?
Keiner Kuh, keinem Kalb begegne ich.
Ich fluche.

Der schief gegangene Weg ist mir ein zweifelhaftes Ziel. Ich schwöre, schon im allernächsten Kaff mit diesem Unsinn Schluss zu machen. Was vertue ich hier meine Tage? Längst nicht jeder, der nach Indien fährt, entdeckt Amerika. Was habe ich auf Spaniens versumpften Viepfaden verloren, was gehen mich diese Ruinennester anb? Ich pfeife auf ihre komische Kunst, ich pfeife auf ihre komische Geschichte. Hier bin ich doch nur ein wandelnder Gratiswebespot für eine Kirche, mit der ich nichts, aber auch gar nichts am Hut habe.
Ein Pilger ist …

Schon einmal wollte ich aussteigen. Tage zuvor, in der Gegend von La Rioja, kurz hinter Logroño. Der Weg führte wieder einmal der Hauptstrasse entlang. Es herrschete grauenhafter Verkehr. In jedem Kleinwagen ein Kamikaze, jeder Laster hatte eine Rauchfahne am Auspuff, als wäre er ein Ozeandampfer. Mir war, als ob ich gegen einen Strom anschwimmen müsste. Ich fuchtelte mit meinem Stock, war den Gesichtern hinter den Lenkrädern hasserfüllte Blicke zu. ich schritt böse aus, bis ich plötzlich, beim Eingang zu einen Friedhof am Strassenrand, vor eiegenartigen Figuren stand.

In den Steinsäulen des Friedhofportals waren Pilger gehauen. Pilger, die mit leidenden Gesichtern mit sich selbst rangen. Sie zogen sich am eigenen Gewand durch den Regenb, zerrten sich an den eigenen Haren voran, sie kämpften mit dem Drachen, und – so schien es mir – sie assen das Brot der Erkenntnis.

Über mich selbst lachend war ich weitergegangen.

Auch jetzt steige ich nichg aus. Schon gehe ich wieder lockerer. Wozu aussteigen? Das ganze Leben ist eine Pilgerfahrt. Und wie sprach der Herr zu armen Kain?

Man sagt, man könne sich auf machen als Wanderer, als Sportler, Kunsthistoriker, als Abenteurer, Landstreicher oder Naturfreund, aber früher oder später werde jeder, der sich auf diesen Weg begebe, zum Pilger.

Man sagt, spätestens ins Santiago de Compostela reihe sich jeder und jede unter die Gläubigen und den Heilsuchenden ein, betreten denn wie diese das eigentliche Ziel des Weges, die Kathedrale, durch das Westportal, und erweise dort in der Säulenhalle der Seligkeit dem Apostel Jakobus die Reverenz.

Ein Pilger ist …

Als ich mich aufmachte, hatte mich beim Abschied ein Freund gefragt, wo ich denn meine Jakobsmuscheln hätte?

„Welche Jakobsmuscheln?“

„Die Muscheln,die sich alle Pilger, die nach Santiago gehen, um den Hals hängen.“

„Aber ich bin doch kein echter Pilger“, hatte ich geantwortet.

„Hast du Dir etwa auch keine Verprechen abgenommen? Hast du keine Wünsche, die in Erfüllung gehen sollen? Oder machst Du armer Sünder gar eine Busswallfahrt?“

Ein Pilger ist …

Längst schreite ich wieder leicht und zügig aus. Die Weidelandschaft ist mir ein Teppich. Schon sehe ich die nächsten beiden Dörfer. Wie von Hand sind die ockergelben Häuser um die Kirchen un die Gegend gestreut.

Was weiss ich denn?

Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden. Dies sprach der Herr bereits zum armen Kain. Es macht einfach Spass zu gehen. Ich gehe weiter, von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, und ich freue mich über das Pilgerkreuz am Wegrand. Es weist mir die Richtung, erinnert mich an all die anderen Wanderer, die es durch die Jahrhunderte schon grüsste.

*

Der Weg ist alt, der Weg ist berühmt.

Zu seiner eigentlichen Blütezeit im Mittelalter wurde er von Millionen begangen, er liess Dörfer und Städte entstehen. Seinetwegen wurden Klöster gegründet und etliche der schönsten romanischen und gothischen Kirchen gebaut.

Im Mittelalter begegneten und vermischten sich auf dem Jakobsweg die Kulturen Europas, Pilger aus sämtlichen christlichen Gegenden kamen und sahen und nahmen und gaben und beteten.

Jeder Stein am Rand des Jakobsweges hat eine Geschichte zu erzählen.

Da waren Geschäftemacher wie der billige Jakob unterwegs. Es gab Taschendiebe, Wegelagerer, Hochstapler aller Art. Die coquillards (von französisch coquille, Muschel), die François Villon in einem Galgenvers verewigte, trieben ihr Unwesen mit gutgläubigen Pilgern. Falsche Priester liessen beichtende Sünder zur Ader, ein ambulantes, leichtes Gewerbe fehlte nicht.

Wahlfahrende Handwerker liessen manch ein Gesellenstück, aber auch etliche Meisterwerke zurück. Steinmetzen und Bildhauer unterbrachen ihre Reise oft jahrelang, um an den entscheidenden Kirchen, Klöstern und Brücken zu Ehren des Apostels Hand anzulegen. Für die Freimaurer gehörte eine Pilgerreise nach Santiago de Compostela zu der religösen und handwerklichen Ausbildung. Aus ihrem Kreis kamen mehrere, später dafür heiliggesprochene Wegbereiter, Pilgerfreunde und Brückenbauer.
Im Mittelalter war eine Wallfahrt auch ein gesellschaftlich akzeptables Schlupfloch aus der Enge des Alltags. Nicht wenigen dürfte die Pelerine (von französisch pelerin, Pilger) als Deckmantel für die Lust am Abenteuer oder für temporäres Aussteigen gedient haben.

Die ganz besondere Gruppe der Strafpilger kam noch dazu. Als kleinere oder mittlere Missetäter hatten sie von der
Obrigkeit die Wahl erhalten, anstatt in den Kerker nach Santiago de Compostela zu wandern. Zum Beweis, dass sie dies auch wirklich taten, führten sie eine Pilgerkarte auf sich, die sie unterwegs an offiziellen Stellen abstempeln liessen. Dass mit diesen Dokumenten Handel getrieben wurde, kann kaum überraschen. Wer es sich leisten konnte, kaufte sich eine, die bereits vol,lgestempelt war, und liess sich dann an einem geeigneten Ort für ein halbes Jahr nieder.
Überraschend ist vielleicht, dass es in Belgien die Pilgerschaft nach Santiago de Compostela als Alternativstrafe weiterhin gibt. Die mit Taschengeld und einem Zelt ausgerüsteten, zumeist jugendlichen Straftäter pflegen in kleinen Gruppen etwas abseits zu gehen. Heute werden sie von Sozialarbeitern begleitet.

Im Mittelalter erlebte er seine besten Jahre, aber der Weg der Wege wurde schon in vorchristlicher Zeit begangen. Er führte einfach unter der Milchstrasse dahin, immer Richtung Sonnenuntergang, bis zum Ende der Welt, bis nach Finisterre, bis zum Atlantik, der, am äussersten Ende der Welt, am äussersten Ende des Festlandes, für die Kelten das Meer der Toten war.

Später hätten sich unter den Römern verfolgte Druiden mit ihrem verbotenen Wissen in diesen fernen, unzugänglichen Winkel von Spanien abgesetzt. Der Weg sei deshalb zu einer Initiationsroute geworden. Wer ihn beging, der suchte geheimes Wissen, innere Perfektion und Erleuchtung. Dies behaupten zumindest die Esoteriker von heute.

Bekannt und berühmt sind allerdings die meigas von Galicien. Eine meiga ist eine Art Hexe, vielleicht eine Nachfahrin der keltischen Druiden. In manch einem Dorf verfügt sie weiterhin über ebensoviel Autorität wie ein Priester oder ein Arzt.

Einer gewissen, geheimnisvollen Dimension dieses Weges vermag sich auch der ganz gewöhnliche Pilger nicht zu entziehen. Ist es die wechselhaft, ja launische Landschaft? Bald droht sie unergründlich, dann beflügelt sie mit ihrer übernatürlichen Exotik die Einbildungskraft. Unzählige Symbole wollen erkannt und gedeutet sein, allerleis Zeichen am Wegrand beunruhigen die Sinne. Aufeinmal scheinen Bäume etwas sagen zu wollen und ein schwarzer Vogel ist nicht mehr einfach ein Vogel.

Die christliche Kirche entdeckte den magischen Weg im neunten Jahrhundert. Ähnlich wie sie es mit anderen heidnischen Institutionen tat, wusste sie ihn für ihre Zwecke zu adoptieren.

Das Christentum war damals in Bedrängnis geraten. Seine Südwestflanke, die Iberische Halbinsel, stand zum grösseren Teil unter der Herrschaft der Mauren. Nur das heutige Galicien, das wie das Baskenland weder völlig christianisiert noch sehr zivilisiert war, interessierte die islamischen Eroberer wenig. Es war eine wilde, unnütze Gegend, die man sich ruhig eien bisschen wie das isolierte Dorf von Asterix und Obelix vorstellen darf.

Aber dahin galt es nun die Aufmerksamkeit der Christen zu lenken, dahin mussten Glaube und Kraft für die Rückeroberung der verlorenen Gebiete kanalisiert werden. Der Kanal bestand, allein es fehlte deas christliche lockende Ziel.

Nichts weniger als ein Apostel wurde, o Wunder!, in einer nicht nachvollziehbar reliquienverrückten Zeit ausgegraben. Der besagte Apostel war seinen historisch erfassten Märtyrertod zwar ungefähr am entgegengesetzten Ende der damaligen Welt gestorben, aber das entdeckte Grab hätte kirchenstrategisch kaum günstiger liegen können.

Die Lücken in den Fakten wurden mit Wundern überbrückt, die Legende wurde mit der Wirklichkeit verwoben und zurechtgebogen, der Pabst winkte mit Sündenerlass für alle, die durch das gefährlich Gebiet zu dem Apostel pilgerten, und der Jakobskult ward geboren. Mit ein paar zusätzlichen, über den Weg verstreuten Reliquien wurde nachgeholfen, bis sie kamen, immer zahlreicher, zu der Grabstätte, von der man weiss, wenn man es wissen will, dass sie die des Apostels nicht ist.

Zeitweise habe Santiago de Compostela als Wallfahrtsort Jerusalem und sogar Rom überflügelt. Allen voran sein scho Karl der Grosse geritten. Seine Sünden habe er auf eine Pergamentrolle geschrieben, die er bei seiner Ankunft an der heiligen Grabstätte auf den Altar gelegt habe, um heftig und reuig in die freien Hände schluchzen zu können. Als später sein Pergament wieder aufgerollt habe, seien die Buchstaben verschwunden, somit seine Sünden getilgt gewesen.

Der Wunder war fortan kein Ende mehr. Der Apostel öffnete Türen und Herzen, heilte und linderte und griff immer häufiger entscheidend in den Kamf gegen die Muselmanen, in die Rückeroberung der iberischen Halbinsel ein.
Wo immer Not am Manne war, tauchte er plötzlich auf, mit gezücktem Schwert und hoch zu Ross. Santiago Matammoros – der Mohrentöter – hiess er jetzt. Sein Name war zum Schlachtruf der Christen geworden, und die ihn umrankenden Legenden wucherten ungezählt.

*

Ich gehe durch Kastilien.
Ich habe den Wind im Gesicht, Weizengruch in der Nase. Es ist spät nachmittags. Ich komme gut voran. Kastilien ist anders, Kastilien ist schön.

Eben habe ich in dem kleinen Städtchen Frommista die St. Martinskirch besucht. Sie ist ein Juwel romanischer Baukunst, einer der architektonischen Hähepunkte des Jakobsweges. Eien wunderschöne kleine Kirche. Mit sämtlichen romanischen Vorzügen. Dreimal bin ich um sie herumgegangen, dann ich ging ich weiter.

Bis Villalcázar de Sirg will ich heute noch gehen. Die Karte in meinem Pilgerführer verspricht einen kleinen, historischen Ort. Einen Laden und eine Taverne soll es dort geben. Auch ein refugio, eine jener von Kirche oder den Gemeinden dem Jakobsweg entlang zur Verfügung gestellten Unterkunftsmöglichkeiten.

Aufgebrochen bin ich im Morgengrauen in Castrojeriz, in der Provinz von Brugos. Die ersten vier oder fünf Wegstunden ging ich mit dem Franzosen Godefroy V.
Wie gingen hintereinander, wir gingen nebeneinander. Wir redeten, und wir schwiegen.
Bald sechzig, ist Godfroy sehr rüstig. Vor zwei Monaten hat er in seinem Wohnort in der Nähe von Lyon den Rucksack gepackt, die Jakobsmuscheln umgehängt un den Pilgerhut genommen. Er erzählt von den Schwierigkeiten mit dem Strassenverkehr, mit der Polizei. Anders als in Spanien, ist der Jakobsweg in Frankreich kaum mehr eine bekannte Institution. (Das hat sich inzwischen geändert, nicht zuletzt Dank Filmen wie: Saint-Jacques… La Mecque )

Wer zu Fuss geht, ist verdächtig.

Wie bei andern Pilgern, mit denen ich gegangen bin, erfuhr ich viel über Godfroy, er wohl viel über mich. Im stundenlangen Gehen ergeben sich entweder echte Gespräche oder nichts.
Als Godfroy am Wegrand auf einem Spirituskocher sein Mittagsmal zu kochen begann, war ich weder müde noch hungerig, und ging, meinen Rhythmus haltend, weiter.
Jetzt gehe ich einer Bewässerungsanlage entlang. An einem Baum ist ein gelber Pfeil. Der Weg zweigt hab. Seit zwei Wochen folge ich diesen gelben Pfeilen. Wenn ich sie übersehe, bin ich auf meinen Pilgerführer angewiesen. Oder ich muss, wenn jemand in der Nähe ist, meinen Weg erfragen.
Da vorne sind Häuser. Población de Campos heisst der Ort.
Im Schtten einer Pappelallee sitzt ein Dutzend alter Männer in Reih und Glied auf einer Mauer. Sie halten abgearbeitete Hande auf dem Stock zwischen schwach gewordenen Beinen.
Sie gucken, grüssen, ich grüsse zurück.
„A Santiago?“ fragt einer.
„A Santiago“, antworte ich.
In der Dorfschenke bestelle ich einen Kaffee und ein Glas Wasser. Die Bedienung lächelt. Auch sie fragt, ob ich nach Santiago will. Sie lässt mich nicht bezahlen.
„Ich lade dich ein, armer Pilger. Bis Santiago sind es noch 390 Kilometer!“
Ich bedanke mich und freue mich, denn ich befinde mich ziemlich genau in der Mitte meines Weges.
Durch ein lichtes Wäldchen gehe ich aus dem Dorf hinaus. Schafe weiden im hohen Gras. In eine braune Decke gehüllt, lehnt der Schäfer an einem Baum. Er hebt eine knorrige Hand zum Gruss.
Ich gehe weiter durch die uferlose kastilische Ebene. Sie ist kaum zu beschreiben. Imposant ist vielleicht das
Wort.
Mein Gehen hat sich längst selbstständig gemacht.
Es geht.
Im klaren Abendlicht kommt Villalcázar de Sirga zum Vorschein. Eine gigantische, im 13. Jahrhundert von den Tempelrittern auch als Burg konzipierte Kirche überragt das kleine Dorf. Als duckten sie sich vor Wind und Sonne, sind die Häuser flach und niedrig.
Über einen der geraden, sternförmig um die Kirche angelegten Wege komme ich aus der Ebene ins Dorf. An wuchtigen Stalltüren in Mauern aus Strohziegeln geh ich vorbei. Schmiedeiserne Beschläge zieren das geschnitzte Holz. Ein Bauer rattert auf einem Traktor heran und grüsst. Auf einem Kamin nisten Störche.
Die hoch aufragende gotische Kirche wirkt beschädigt, teilweise eingestürzt, die Säulen im Portal stehen schief, aus Fugen und Ritzen wächst Gras, aber eine schönere, eine menschlichere Kirche habe ich noch nie betreten.
Ihr gegenüber am Dorfplatz befindet sich in einem Steinhaus mit einem Vordach auf Holzpfeilern die renovierte Pilgertaverne. Neben der Rundbogentür hängt eine Glocke, zwei schwere Essgabeln rosten an der Wand.
Bevor ich eintrete, werfe ich noch einmal einen Blick zwischen den Häusern hindurch auf die in der Abendsonne leuchtenden Kornfelder. Der Blick ist nachhaltig wie der erste Blick aufs Meer.
Auf einem der Eigentische in der Taverne steht ein Krug mit Wein, ein Korb mit Brot. Ich esse mit einem Holzlöffel die dampfende Suppe aus einer Tonschale, höre gleichzeitig stampfende Schritte und dem kleinen Vordach. Ich ruhige Stimmen müder Wanderer.

*

Auch sie werden essen, dann werden sie sich um die Blasen und um die Druckstellen an ihren Füssen kümmern. Sie werden tief schlafen, und morgen werden sie weitergehen.
Sehr anders wird es nie gewesen sein.
Gehen.
Wir haben Brot und Käse eingekauft. Dazu eine Büchse Sardinen. Ich gehe mit einem Weggenossen.
„A Santiago?“
An dem Dorfbrunnen, wo wir trinken, weist uns eine bejahrte Frau zahnlos lächelnd die Richtung.
Der Weg beginnt zu steigen, kurvt ein enges Tal hinauf. Aber es geht leicht über diese durch die Jahrhunderte von Pilgerstiefeln abgewetzten Steinplatten.

Kinderjauchzen kommt von einem Waldrand herüber. Eine Bauernfamilie wendet vielköpfig das Heu am steilen Hang. Grün, sehr unspanisch grün, ist die Landschaft geworden. Ich höre meinen Stock, hinter mir denjenigen meines Gefährten, weiter unten das Sprudeln einer Quelle.
Ein Vogel hockt sich noch schnell vor uns auf den hohlen Weg, um gleich über einen blühenden Ginsterbusch hinweg zu verschwinden. Im Unterholz raschelt die geflüchtete Echse.

Und dort zeigt sich ein Strohdach. Runde Steinhäuser. Das müssen die keltischen pallozas sein. Ein Hund kommt angekläfft. Er lässt sich vom schlaff ausgestreckten Arm beruhigen, kommt herbei, leckt meine Hand. Am nahen Horizont steht vor dem blauen Himmel ein weisses Pferd, schwarmweise flattern Schmetterlinge daher.
Der Schimmel hebt den Schweif.

Auf der anderen Seite dieser Passhöhe, wir wissen es: Galicien! Ob man den Atlantik sieht? Und noch rund eine Woche bis Santiago!

„Mystisch“, sage ich.

Dieser Weg ist einfach mystisch.

Aber was heisst schon mystisch, wenn nicht, so zu tun, als gäbe es mehr zu sagen, als man sagen kann.

Going to Santiago

Aus: Beat Sterchi, Going to Santiago, Spanien, Fahrten Fährten Feste, (Rotpunktverlag 1995)
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