25. August 2026
Unterwegs im leeren Spanien
Ist man unterwegs an einem fremden Ort, sucht man manchmal einen Tisch zum Schreiben, manchmal nur eine Bank oder einen Stuhl zum Lesen. In La Fresneda fand ich diese Bank, auf der ich jetzt sitze, in einem kleinen Park, unmittelbar über der plaza, also oberhalb des Dorfplatzes. Meine Tochter Maxine hat mich darauf aufmerksam gemacht. Jetzt geht sie mit den anderen hoch zu der Burgruine auf dem Hügel über dem Städtchen.
Der kleine Park hier ist wirklich eine winzige, aber eine gepflegte Oase oben an einer Treppe. Sie besteht aus einem knorrigen Olivenbaum, zwei Zwergzypressen, einer Föhre, einem Wasserhahn über einem steinernen Brunnenbecken, einem Abfalleiner und noch einer Holzbank wie die, auf der ich sitze. Umgeben ist der kleine Park von einem halben Dutzend zwei bis drei Stockwerke hohen Häusern, in denen sich das leere Spanien und seine unzähligen halbverlassenen Dörfer sehr akkurat wiederspiegelt. Es gibt aufwendig renovierte, unterbelegte Häuser aus gehauenem Stein, die in ihrer Substanz mittelalterlich sein könnten und es gibt auch achtlos, mit schlechtem Geschmack modernisierte und deshalb verunstaltete Altbauten. Es gibt auch verwahrloste und noch unfertige Häuser mit unverputzten Backsteinmauern. Neben einem Haus, dessen Fenster mit Brettern zugenagelt sind, steht auch ein Haus, das sich im Zerfall befindet. Eine Ruine. Und in einer Ecke häufen sich ein paar achtlos hingeworfene Müllsäcke, auf die jemand noch einem kaputten, weissen Plastikstuhl geworfen hat. Nicht zu übersehen ist in der offenen Tür eines Balkons gleich gegenüber ein rotviolett gestreifter Vorhang, hinter dem, so kann man annehmen, jemand seine Siesta schläft, während am Himmel gerade ein Schwarm Tauben auftaucht und ich dies hier in mein Notizbuch schreibe.
3. September 2026
Das Denkmal
Als wir auf einer Wanderung von oben in die ruinenhaften Überreste eines längst verlassenen Hofes runterschauten, bemerkte Miguel einen quer über dem Schutt des eingestürzten Daches liegenden Blitzableiter, den ich selbst nur als lange, angerostete Eisenstange wahrgenommen hatte, die mich aber sofort zu interessieren begann. Als ich erfuhr, worum es sich bei diesem rostigen Eisenstab handelte, präsentierten sich mir im Kopf unverzüglich drastische Bilder heftiger Gewitterstürme unter pechschwarzen Himmeln über dieser wilden, fast baumlosen Anhöhe, auf der wir uns befanden. Ich sah Gewitterstürme, unter deren Bedrohung diese lange rostige Stange plötzlich zum Mittelpunkt des Lebens auf diesem Gehöft wurde, das mindestens eine Stunde von dem nächsten, bewohnten Ort entfernt war und auf welchem die Bauersleute zweifellos ein entbehrungsreiches, von der harten Arbeit auf terrassierten Äckern geprägtes Leben gefristet hatten. Auf der Stelle hatte ich Männer, Frauen und Kinder vor Augen, die sich hier draussen unter dem tobendem Gewitter im sichersten Teil des Gehöftes, womöglich bei der Feuerstelle in der Küche, versammelten, zusammengekauert ausharrten, mit eingezogenen Schultern auf den hier üblichen niedrigen Stühlen, bei jedem Donnerschlag zusammenzuckend und hoffend, dass sich bei den immer näher kommenden Donnerschlägen, die Blitze von dieser hohen, über dem Ziegeldach, auf das sich der Regen flutartig niedergoss, aufragenden Stange ableiten und ein Unglück nach Möglichkeit verhindern würde und es war gleich dort, vor Ort, dass mich das Bedürfnis erfüllte, an diese vielen bangen Stunden zu erinnern, die von den Menschen hier oben durchlitten worden waren, indem ich die lange, rostige Stange aus den Trümmern des verlassenen Hofes bergen würde, um sie unten im Dorf an einer geeigneten Stelle als Denkmal aufzurichten.
Ich sah die fünf oder sechs Meter lange Stange schon als schlanke Skulptur, als Kunstwerk, das die Geschichte der in den von Kalksteinfelsen durchsetzen Erhebungen rund um das Dorf, dort draussen im leeren Spanien zerfallenden Gehöfte verkörperte, indem es an die trockenen, unfruchtbaren Böden und an das harsche Klima mit den eisigen Winden, dem Schnee im Winter und mit die zerstörerischen Gewittern im Sommer erinnerte.
Ein Andenken, sagte ich deshalb später zu Anna, zur Erinnerung an die Zeit, als an Ernteversicherungen nicht zu denken war und die Bauern versuchten, ihr Getreide vor Hagelstürmen zu schützen, indem sie Raketen in die finsteren Wolken hinausschossen und gleichzeitig mit ihrem Fleiss, diese unwirtlichen Gegenden überhaupt bewohnbar machten.
Wir haben ja keine Ahnung vom Leben auf diesen Höfen, fügte ich noch hinzu, worauf mich Anna darauf aufmerksam machte, dass auch ein zu einem Denkmal umfunktionierter Blitzableiter in Gottes Namen noch immer ein Blitzableiter sei, und ich damit dem Dorf keinen Gefallen erweisen würde, könnte damit doch die von dem Blitzableiter zuoberst auf dem Kirchturm garantierte Sicherheit beeinträchtigt werden, was mir natürlich einleuchtete und ich mir überlegte, ob es vielleicht ausserhalb, des Dorfes, bei deiner Wegkreuzung oder auf einem erhöhten Punkt in der Landschaft eine Stelle gab, die sich als Standort für eine solches Mahn- oder Denkmal eigenen würde?
Nachdem aber nun die Waldbrände, die eigentlich längst zu einer sich jährlich wiederholenden Selbstverständlichkeit geworden sind, in diesem Sommer besonders heftig wüteten und noch mehr Zerstörung anrichteten als bisher und auch über unserem Dorf eines Nachmittags plötzlich Helikopter und Löschflugzeuge am Himmel auftauchten, weil sich über Nacht eine kleine, bei dem Gewitter des Vortages, von einem der Blitze unter der Nadeldecke bei einem frei stehenden Wacholderbaum entfachte Glut halten und sogar wieder aufglimmen und sich zu einem Buschbrand ausbreiten konnte, liess ich die Idee eines Denkmals fallen.