Publikationen
Capricho
Ein Sommer in meinem Garten
Diogenes Verlag
«… Es ging um eine mir längst teuer gewordene Gewissheit. Nämlich darum, dass literarisch gesehen alles mit allem zu tun hatte und dass es eigentlich an Torheit grenzt, einem bestimmten Umstand mehr Bedeutung zuzumessen als einem andern.»
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Am Radio: 52 Beste Bücher Radio SRF
Aber gibt es keins
Beat Sterchi kennt man als Autor, der seine Texte auf unvergleichliche Art vortragen kann, in einem Tonfall, den man nicht vergisst. In «Aber gibt es keins» zeigt er seine Texte, denn oft sind sie wie Bilder: Wortbilder. Und hier zählt alles, die Typographie, die Schriftgrösse, jedes Wort.
«Sieben Tage Venedig» lesen wir beispielsweise, und darunter in fetten Grossbuchstaben: «Heute kein Auto gesehen», sieben Mal. Ob damit ein glücklicher Umstand gemeint ist oder einfach Pech, das bleibt offen. Dass es vertrackt ist, scheint indessen klar.
In der Tradition der «konkreten poesie» zeigen Sterchis Wortbilder, was die Mitgift der Sprache ist: Die Wörter sind aufgeladen mit kleinen und kleinsten Geschichten, und manchmal reicht es, diese Wörter miteinander bekannt zu machen, sie zusammenzubringen, sie erzählen zu lassen.
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Den Wortbildern gegenüber stehen in diesem Band kurze Gedichte, in welchen die Sprache beim Wort genommen wird. Kleine Sprachbeobachtungen am Rande des Alltags, der Redegewohnheiten, der stillen Übereinkünfte, der Beiläufigkeiten. Und auch hier erweist sich Beat Sterchi als höchst aufmerksamer und begnadeter Chronist des Alltags. Als einer, der genau hinhört und mit wenigen Worten die Augen öffnen kann.
U no einisch
Sprechtexte, 2016
Der gesunde Menschenversand
Auch als E-Book erhältlich, inklusive ausgewählte Audio-Beispiele!
«Ä Platz vou Schtiui», einen Platz voller Stille – Beat Sterchi findet ihn mitten in Venedig, mitten in der Menge der «Turis». «Ä ganze Platz vou nüt!» Venedig ist millionenfach schon beschrieben worden, aber so lautmalerisch? Das stand noch aus. «Öpper muess gäng rüere», heisst es in einem anderen Sprechtext, es geht um Fondue, und natürlich geht es nebenbei um mehr.
In seinem zweiten Spoken-Script-Band «U no einisch» versammelt Beat Sterchi Texte über Reisen, übers Essen, über Begegnungen, über Literatur und Kunst. Erzählt wird von der Aare, von Henry Dunant und Robert Walser, vom Gang zum «Märit» oder von dem, was einen Botanischen Garten unterscheidet vom Schrebergarten. Das ist einiges.
«Mängisch schteit eifach öpper ufene Schtue u singt es Loblied»: Hier sind Loblieder zu lesen auf Beiläufiges und Alltägliches. Mit erhellendem Sprachwitz, mit Ironie und grosser Erzähllust blättern die Texte unsere vermeintlich vertraute Welt auf, und unter und hinter unseren Sprechgewohnheiten kommen lauter kleine Abgründe zum Vorschein.
Martin Zingg in der Ankündigung
Blösch
Roman, Broschur, 448 Seiten, 2011
detebe 21341
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Montag, den 19. September 1983 (Hamburg)
Und dann der erste Blösch im Buchladen in Eppendorf. Ich holte eine Zigarette hervor, nahme einen Zug, ging rein, ein Mann kam die Treppe runter, dem sagte ich, was ich wollte. Die Bücher von zwei Kollegen aus der Schweiz. Beide hatte er nicht, aber sagte er, ich hole den Aschenbecher.
Haben Sie Angst, ich verschmutze Ihnen den Laden?
Wohl war ihm nicht.
Und dann sagte ich doch noch:
Eigentlich kam ich auch rein, weil ich zum ersten Mal mein Buch im Schaufenster sah.
Welches denn?
Das da, sagte ich und zeigte mit einem Schritt zurück auf Blösch.
Haben wir auch schon zwei davon verkauft, meinte er und meinte dann mit einem Blick auf mein Bild:
Kleine Persönlichkeitsveränderung.
Ich nehme die Brille herunter und sage:
Stimmt doch.
Stolz und doch leicht peinlich berührt.
Ist wohl ein Erfolgerlebnis?
Ja, bisschen schon.
Der Roman Blösch als Hörbuch
Mai 2010, 1 MP3 CD, Laufzeit: ca. 960 Minuten
Merianverlag
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Antworten auf häufig von Studierenden gestellte Fragen zum Roman «Blösch».
1. Was bewog Sie dazu, dieses Buch zu schreiben?
Eine Regel der Literatur besagt, dass man über etwas schreiben soll, das man besser als andere kennt. Auf Grund meiner Herkunft und meiner Erfahrungen, sah ich mich geradezu verpflichtet, mich diesen Themen anzunehmen.
2. Wie lange brauchten Sie, um «Blösch» zu schreiben?
Das Vorhaben und der Plan reiften über mehrere Jahre. Die eigentliche Schreibzeit dauerte mit langen Unterbrüchen etwa drei Jahre.
3. Die Schlachthof-Szenen haben mich recht geschockt; ich bin froh, Vegetarierin zu sein! Was wollten Sie mit diesen brutalen Szenen bewirken?
Wer Fleisch isst, darf auch wissen, woher es kommt. Ich wollte die verdrängten Vorgänge «hinter dem hohen Zaun am Rande der schönen Stadt» der Literatur zuführen. Ich wollte nicht schockieren, nur festhalten, wie es ist.
4. Über welche Themen schreiben Sie am meisten; welche kommen immer wieder in Ihren Büchern vor?
Man schreibt eigentlich nicht über Themen. Aber bei «Blösch» interessierte mich die Arbeitswelt, die Entfremdung, die Gerechtigkeit. Wie kommt es zum Beispiel, dass jemand studieren kann und jemand muss eine gesellschaftlich zwar notwendige, aber unangenehme Arbeit verrichten, die ihm keine Freude bereitet?
5. Sind Sie im Moment wieder an einem neuen Buch?
Ich schreibe gegenwärtig vorwiegend Texte für die Bühne, für das Radio und für meine Auftritte im Rahmen von Spoken- Word-Veranstaltungen mit «Bern ist überall» und «Bitzius».
Noch eine Frage?
6. Ja. Warum schlagen die Knuchelkinder ihre Köpfe an die Wand?
Das Kopfschauckeln in der Einschlafphase, gelegentlich gesteigert bis zum Schlagen mit dem Kopf an die Bettwand oder das Schaukeln des ganzen Körpers während längeren Abschnitten des Nachtschlafes, rechnet man zu den sogenannten Leerlaufhandlungen oder Automatismen (Jactatio capitis). Das Symptom als solches ist grundsätzlich harmlos und entspricht wahrscheinlich einer Tendenz zur Eigenstimulation, oft mit lustbetontem Charakter.
Prof. Dr. Reinhart Lempp, Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychiatrische Universitätsklinik, Tübingen
Sebastian Mattmüller (Hg.), Raphael Zehnder (Hg.)
Beat Sterchi
Blösch
Literatur | Lesung
Mai 2010, 1 MP3 CD, Laufzeit: ca. 960 Minuten
ISBN: 978-3-85616-435-5
- Ungekürzte Lesung, 16 Stunden
- Wuchtige Sprache und authentische Geräuschkulissen
Ging Gang Gäng
Sprechtexte, 2009
Edition Spoken Script
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«Ging Gang Gäng» ist eine Sammlung von über 50 Mundart-Texten, die in den letzten Jahren für Spoken-Word-Auftritte oder als Nebenprodukte zu Theaterstücken entstanden sind. Es sind Minidramen, Mantras, Wörtersammlungen, Gotthelf-Gedichte oder kurze Geschichten über die Kunst, das Lesen oder das Essen und Trinken. Sie leben alle vom Sprachrhythmus, von Klangbildern und der steten Wiederholung von Sprachfetzen aus dem Alltag.
«……Neben Neuem versammelt Beat Sterchi etwa seine Begriffsalphabete aus Gotthelf-Geschichten, die er mit dem Akkordeonisten Adi Blum teilweise bereits während des Gotthelfjahrs 1997 vorgetragen hat. Seither hat er eine Art «minimal music» alltäglicher Redewendungen entwickelt: akausal variierende Reihungen dessen, was den Leuten zum Mund herauskommt. Sterchi spiegelt die sprachliche Fähigkeit des Menschen in einer Weise, die zu Bescheidenheit mahnt. Bei der Textpräsentation spitzt er den Realismus noch zu, indem er die Sprache mit den Mitteln Konkreter Poe¬sie zur Selbstdarstellung zwingt.»
Fredi Lerch, Die WochenZeitung
Mut zur Mündigkeit
Vom Reden und Schreiben in der Schweiz diesseits der Saane
Beat Sterchi, ergänzt von Pedro Lenz, 2016
edition ADHOC
ISBN 978-3-9524630-0-0
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Going to Pristina!
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Meine allererste Notiz machte ich im Caffè San Marco in Triest an einem kleinen Marmortisch, an welchem möglicherweise einmal James Joyce gesessen hat. In Triest kann man auch über eine kleine Brücke gehen, die «Passagio James Joyce» heisst. Bleibt man stehen, sieht man von dort das Meer.
Joyce und das Meer! Keine schlechten Ausgangspunkte für ein literarisches Projekt. Denn deshalb waren wir unterwegs. Guy Krneta, mein Freund und Kollege von dem Spoken-Word-Ensemble «Bern ist überall», und ich.
Ein geografisches Ziel hatten wir auch: Pristina im Kosovo.
Dort war für uns eine Wohnung gemietet, und dort war später im Sommer ein ausführlicher literarischer Austausch mit kosovarischen Kollegen und Kolleginnen geplant. Unter anderem die Produktion eines gemeinsamen Tonträgers.
Dass James Joyce während seiner Triester Zeit im Caffè San Marco verkehrt hatte und ich jetzt auf einem Stuhl sass, auf dem er auch gesessen haben könnte, ist nicht auszuschliessen. Sehr gross war diese Stadt auch damals nicht, und in diesem Café klimperten und klapperten schon vor mehr als 100 Jahren Gläser und Tassen, was auch die Kaffeemaschine bewies, die aussah wie ein kleiner, vergoldeter Hochofen.
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«Buon giorno! Prego?»
Vor mir stand eine Dame in schwarzem Rock mit weisser Schürze.
«Buon giorno, un caffè latte! Per favore!»
Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich unterwegs war!
Sogar in Italien!
Und noch bevor ich diese erste Notiz abschliessen konnte, stand ein Kellner da: «Prego!»
Und wieder: «Buon giorno!»
Er fragte noch etwas, was ich nicht verstand, aber er lächelte höflich, und ich nickte, und er servierte mir meinen Kaffee.
«Grazie», sagte ich, und gleichzeitig sagte eine Dame am Nebentisch ins Telefon: «Grazie moltissimo!
Grazie moltissimo! Grazie moltissimo!»
Draussen war ein grauer, regnerischer Morgen, die Leute auf der Strasse hielten Regenschirme hoch, und gleich vor dem Café eilte eine schick gekleidete Triesterin mit einem Laptop unter dem Arm von einem Auto durch den Regen zum Eingang des Gebäudes gegenüber. Sie zog den Kopf ein und lachte, weil sie unmögliche Schuhe mit hohen Absätzen trug, mit welchen sie nicht rennen konnte.
Während ich meinen Kaffee trank und mich umsah, bemerkte ich, dass die alte Uhr an der Wand zehn Minuten nachging.
Guy und ich waren übereingekommen, dass wir jeweils bis mittags an unseren Projekten arbeiten würden, möglicherweise hätten wir ja auch plötzlich Lust,
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zu der Reise selbst Notizen zu machen. Falls Guy auch schon etwas geschrieben haben sollte, hätte er dazu bestimmt seinen Mac verwendet. Er könnte zum Beispiel festgehalten haben: Fahrt durch Gotthard und Tessin zügig. Verdacht, dass uns Gesprächsstoff ausgehen könnte, unbegründet! Autobahn durch N.-Italien wie erwartet. Gelegentliche Blicke auf Rebberge, schöne Landsitze, ausgedehnte Ländereien. Für Kleinstaatler nicht uninteressant.
Auch könnte er notiert haben: Mächtige Alleen, malerische Höfe gesehen! Oder: B fotografiert bei Raststätte vorbeirasenden Laster. Aber dann dachte ich, ein derart politischer Kopf wie Guy einer ist, wird sich kaum mit solchen Banalitäten aufhalten.
Beim Aufbrechen warf ich noch einen Blick in die Buchhandlung, die zu diesem Caffè San Marco gehörte, aber ohne sie zu betreten. Bloss keine weiteren Bücher kaufen! In meinem Koffer befand sich eine kleine Balkanbibliothek.
Auf dem Weg zurück zum Albergo alla Posta, wo wir übernachtet hatten, ärgerte ich mich dann über einen Bettler, der mich aus meinen Gedanken riss und von dem ich mich belästigt fühlte, weil er mich verfolgte.
Vor allem ärgerte ich mich darüber, dass ich mich ärgerte. Ich wäre einfach gerne durch diesen Regen, durch dieses strenge, ordentliche Triest spaziert und hätte mir eingebildet, ich wäre James Joyce.
Wieder im Wagen und auf dem Weg aus der Stadt hinaus, sagte Guy: «Sehr schön! Sehr schön!» Und ich sagte, dass mich diese am Hang klebenden Villen,
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die Vegetation und alles an die Côte d’Azur erinnerten.
Als sich Meer, Bucht und Hafen unserem Staunen wieder entzogen, beschäftigte sich Guy mit der Karte, die er auffaltete, drehte, neu zusammenfaltete und wieder drehte. Noch war unklar, welche Route wir wählen würden, wir hatten keine Ahnung, was wir ins Navigationssystem eingeben könnten, aber noch bevor Guy auf der Balkankarte den richtigen Ausschnitt gefunden hatte, waren wir an den stillgelegten Zollanlagen vorbei, fast ohne es zu bemerken, über die Grenze nach Slowenien gelangt. Ich weiss nicht, ob dies von Bedeutung ist, aber als sich das konturlose Niemandsland wieder in Landschaft verwandelte, fanden wir beide, dass uns diese ziemlich vertraut vorkam.
«Ja, hier sieht es aus wie bei uns», sagte Guy und schlug dann vor, nicht einfach über Zagreb und Belgrad den ganzen Balkan hinunterzurasen. Lieber würde er durch das Landesinnere von Kroatien und dann über Banja Luka und Sarajevo fahren.
Sarajevo und kleinere Strassen, das ist ganz in meinem Sinn! «Sarajevo, schon nur wie das klingt!», sagte ich kurz bevor ich bei einem Gasthaus in einem kleinen Dorf ein Spanferkel sah. Es drehte sich in einem grossen Grill an einem Spiess, und ich fragte, ob wir nicht eine Pause machen und slowenisch essen gehen wollten.
Guy war einverstanden, verzichtete aber darauf, für sich selbst etwas zu essen zu bestellen. Als er zu meiner Überraschung plötzlich ein Notizbuch auf den Tisch legte und etwas aufschrieb, während ich
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den knusprigen Braten verzehrte, befürchtete ich, er würde mich jetzt mit einer spitzen Bemerkung dafür abstrafen, dass ich auf so etwas Appetit haben könne.
«Weisst du», sagte ich deshalb, «gestern Abend habe ich noch dieses angebliche Kultbuch ‹Ausfahrt Zagreb-Süd› von Edo Popovi? fertig gelesen. Dort kommt das auch vor. Ich glaube, Spanferkel gehört irgendwie zum Balkan.»
Das glaube er gerne, sagte Guy, und mit einem Blick auf mein Glas: Aber diejenigen, die hier Spanferkel bestellten, würden dazu sicher nicht Apfelschorle trinken!
«Aber ich bin doch der Chauffeur», sagte ich, worauf sich Guy dafür entschuldigte, nicht Auto fahren zu können. «Schon gut!», sagte ich, «kein Problem», und anstatt zu sagen, dass ich diesen Tatbestand bewunderte, sagte ich vermutlich, James Joyce habe bestimmt auch keinen Führerschein besessen.
An der Grenze zu Kroatien…..
Ganzer Text erhältlich on demand.