Beat Sterchi
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Journal

13. Juni 2026

13. Juni 2026

 

 

Drei Tragödien

 

Vor ein paar Tagen half ich einem Mistkäfer, der auf dem Rücken lag und vielbeinig zappelte, wieder auf die Füsse.

Aber der Käfer kippte gleich wieder um und zappelte weiter.

Und gestern setzte ich mich im Garten zum Lesen auf einen Stein, als sich unter mir etwas bewegte und ich wieder aufstand. Es war eine Eidechse, die mir sehr flach vorkam und die unfähig war, das Weite zu suchen. Sie harrte mit erhobenem Kopf dort aus und atmete sehr heftig.

Aber heute beobachtete ich, wie eine Katze zwei Jungschwalben beobachtete. Die Vögel waren wohl eben ausgeflogen und balgten sich, torkelten streitend von ihrem Nest unter dem Vordach fast bist auf den Boden herunter und sausten wieder davon. Aber schon war die Katze einmal hochgesprungen, mit der ausgestreckten Pfote tat sie einen Schlag ins Leere. Worauf sich eine zweite Katze für die Schwalben zu interessieren begann.

Mit erhobenen, leicht schräg gestellten Köpfen verfolgten die Katzen die Flugübungen, um dann, als sich die zwei Jungschwalben abermals flatternd und sich bekämpfend herunterfallen liessen, zuzupacken.

Eine der Katzen sitzt jetzt dort mit der Beute in der Schnauze. Nur die weisse Schwalbenbrust ist sichtbar. Die andere Katze hält die ihre zwischen den Pfoten gefangen. Sie spielt mit ihr, wie Katzen das tun. Sie lässt sie kurz los, um sie gleich wieder mit ihren Krallen zu packen.

 

21. Mai 2026

21. Mai 2026

Vorangehend habe ich erwähnt, dass ich hier in Spanien das elementare Fliessen der Aare in Bern vermisse. Etwas, das sich damit gut vergleichen lässt, ist der Flug der Geier hoch oben in den Wolken am blauen Himmel. Über dem sogenannten leeren Spanien ziehen viele Geier ihre Schleifen: Grazös, ruhig, stetig, beneidenswert erhaben und unabhängig. Wird aber Aas gesichtet, bilden sich wie aus dem Nichts plötzlich Schwärme. 

El Monte de Pardo, un oasis de encinas en Madrid

Etliche Geier haben wir neulich auf einer «Rogativa» zwischen zwei kleinen Dörfern gesehen. Eine «Rogativa» ist eine jener Wallfahrten, die in Spanien im Frühling massensweise stattfinden und eine der schönsten Traditionen bilden. In reformierten Gegenden ist daraus der «Maibummel» geworden. Es sind sehr spanische, sehr soziale Anlässe. Man geht gemeinsam über alte Wege zu abgelegenen Kapellen. Natürlich isst man zusammen. Nicht selten werden unter freiem Himmel Paellas zubereitet. Manchmal ist ein Priester dabei und es wird im Gefolge einer weissen Fahne auch gesungen und gebetet.

Die Wallfahrt, an der wir kürzlich teilgenommen haben, hatte aber eigentlich einen nichtreligiösen Ursprung. Im 14. Jahrhundert, als die Pest wütete, gab es in dem Dorf Vallibona in der Provinz Castellón einen grossen Mangel an heiratsfähigen Frauen und man entschloss sich, in das fünf bis sechs Stunden entfernte Dorf Peñarroya de Tastavins in der Provinz Teruel auf der andern Seite der Berge auf Brautschau zu gehen. Gemäss der Legende sollen sieben junge Männer aus Vallibona bei sieben Frauen in Peñarroya de Tastavins ihr Glück gefunden haben.

22. April 2026

22. April 2026

Seit Ostern back in Spain. Wieder auf der andern Seite des Ebros. Der dabei momentan empfundene Überschuss an Wohlbefinden ist so gross, dass ich ihn gerne gutschreiben lassen würde, wenn ich wüsste wo. Es tut einfach gut, im Gemüsegarten zu arbeiten, zu pflanzen und zu säen und damit einer nur minim hinterfragbaren Tätigkeit nachzugehen. Schon sind die Kartoffeln gesetzt und auch Bohnen und Zwiebeln sind im Boden. In Anbetracht des Schweisses auf meiner Stirn hat mich ein Freund diesbezüglich auch schon darauf aufmerksam gemacht, wie billig Kartoffeln im Supermarkt gegenwärtig zu haben seien. Er tat dies übrigens nicht zum ersten Mal. Ohne etwas dazu zu sagen, dacht ich mir meinen Teil.

Ich geniesse auch wieder die Vorteile des sogenannt Leeren Spaniens, denn ich befinde mich in einem Dorf, für das man hier eine genaue Bezeichung hat: Un pueblo de quatro gatos. Also ein Vierkatzendorf. Auf einem Spaziergang zu der Kapelle St. Antonio auf der andern Seite des Tales habe ich es auch schon von weitem gesehen.

 

Die Entvölkerung der Dörfer in der Weite des Landes ist natürlich ein Problem, nicht zu verachten ist allerdings, anstatt Verkehrslärm wieder das Zwitschern und Pfeifen der Vögel und die Schellen der weidenden Schafe zu hören. Auch den Kuckuck habe ich schon gehört.

Und dann ist da auch noch Tolstoj. Plötzlich wirkte der Umfang des Buches nicht mehr abschreckend und ich habe in wenigen Tagen schon die ersten 500 Seiten von Die Auferstehung gelesen. Habe aber aus Bern nicht nur Bücher mit über den Ebro genommen. Hier in meinem Computer ist auch ein Filmchen gespeichert, das ich auf dem Altenbergsteg in Bern von der Aare aufgenommen habe. Das unermüdliche, stetige Fliessen der Aare werde ich hier in den trockenen Spanischen Bergen vermissen.

 

 

 

 

Bern, 1. April 2026

Bern, 1. April 2026

Was braucht der Mensch?
Joseph Roth weiss es genau. Im Roman Die Flucht ohne Ende ist sein Protagonist Franz Tunda in Paris wunschlos glücklich. Denn «Frankreich gab ihm alles, was er brauchte: Berge, Meer, Geheimnis, Klarheit, Natur, Kunst, Wissenschaft, Revolution, Religion, Geschichte, Freude, Anmut und Tragik, Schönheit, Witz, Satire, Aufklärung und Reaktion.»

Bern, 28. März 2026

Bern, 28. März 2026

Was wurde da eben über die Gedanken im Kopf gesagt? Dass Gedanken wie eine Herde von Schafen schwierig zu hüten seien? Ja, ich glaube ungefähr so. Jedenfalls ein Bild, das mir sehr gefiel. Allerdings wurde mir erst in dem spiralfömigen Treppenhaus beim Verlassen des Gebäudes in der Untern Stadt von Bern richtig klar, an was für einer Veranstaltung ich da eben teilgenommen hatte. Ohne jeglichen digitalen Trubel sassen wir wie einst Umstürzler und Revolutzger als verschworrene Gruppe im kleinen Kreis zusammen und hörten zu, wie Franz Dodel aus seinem Endlosgedicht Nicht bei Trost die neusten Verse las, dabei sehr wohl Zeitloses erfasste, aber rein nichts, das uns nicht nahe und unkolportiert greifbar gewesen wäre in unserem eigenen Hierundjezt.
Dass sich dazu auch noch ein Sopransaxaphon, ein Bass und ein Flügel von ungewohnten Seiten zeigten, weil die Musikerinnen und ein Musiker jene Musik machten, bei der man bis in die feinsten Töne hinein hörte, dass das genau die ihre war, beglückt mindestens einen Zuhörer bis heute. (Katharina Weber, Christian Kobi und ?)
Und weiter weg als Franz Dodel von jeglicher Schaumschlägerei kann kaum einer sein. Das Schrille den Schrillen. Hier war die Stille schrill genug.
Natürlich ist so ein Anlass die reine Subversion.
Franz Dodels scharfer Blick auf den Boden unter seinen Füssen braucht auch keine grossen Gesten. Aber schlicht verblüffend die Poesie im vermeintlich Nebensächlichen und ebso verblüffend einmal mehr, wie alles eben doch mit allem zusammenhängt.

Bern, 7. Dezember 2022

Bern, 7. Dezember 2022

Einfachheit
Bern, 12. Februar 2022

Bern, 12. Februar 2022

Thema: Retour einfach.
Der Blick ins Buch
Es war ein herrlicher Tag. Es war Pfingsten. Wir wollten hoch hinaus. Wir gaben Gas. Lange vor dem Gotthard landeten wir im Stau. Sechs Spuren, sechs Blechkolonnen soweit das Auge reicht. Wir kehrten um. Schon vor Trubschachen steigt die Stimmung. Diese Felder und Matten. Wie für uns aufbereitet und ausgebreitet. Dieses Grün, sagte sie. Jetzt links, sagte ich. Es gibt kaum Verkehr. Bauern stehen im Heu. Eine Bäuerin mit dem Rechen am Strassenbort. Sie grüsst und lacht. Eine wiederkäuende Kuh verfolgt uns mit grossen Augen. Sogar im Auto hören wir die Vögel. Jetzt rechts, sagte ich. Die Wälder sind wie Kathedralen. Schafe und Ziegen weiden an den steiler werdenden Hängen. Grün ist jetzt sogar die Luft. Wir halten an. Zu Fuss steigen wir auf den Rämisgummen. Jetzt zeigt sich der Niesen, dann die strahlenden Gipfel der Alpen. Und hier liegt es vor uns, genau auf der richtigen Seite aufgeschlagen: Ein wunderschönes Buch. Das Entlebuch.

Thema: Nichts wie weg!
Man sieht mich oft in Tokio.
Als Bewohner der Altstadt von Bern geht man um die Welt. In Luzern wird es ähnlich sein. Sicher ist, wenn man dort lebt und einkauft und rumspaziert, wo die Torasten blühen, gerät man unweigerlich immer mal wieder in eines der Tausenden von Selfies, die aus unerklärlichen Gründen ununterbrochen geknipst werden. Gut, nur in den Hintergrund aber trotzdem: Es kann gar nicht anders sein, als dass ich immer mal wieder der Mann bin, der gerade über den Berner Rathausplatz geht oder der Velofahrer, der den lachenden Asiatinnen vor dem Zeitglockenturm hinten ins Erinnerungsbild gefahren ist. Es kann gar nicht anders sein, als dass man mich deshalb immer mal wieder sieht in Shanghai, in Chengdu, in Xiamen, in Peking, in Hangzhou, in Xi’an, in Wuhan und in Chongging. Ohne Zweifel sieht man mich auch oft in Tokio.

Thema: Helvetias Platz Luzern.
Der Urknall
Die Urknalltheorie ist die Grundidee der modernen Kosmologie. Sie beschreibt nicht, wie das Universum entstand, auch nicht, wie es sich seit der Entstehung entwickelt hat. Die Urknalltheorie wird leider von vielen ausgezeichneten Physikern in populärwissenschaftlichen Büchern immer wieder falsch dargestellt. Insbesondere handelt es sich beim Urknall überhaupt nicht um eine Explosion in Raum und Zeit, die nur einmal stattgefunden hat. Vielmehr handelt es sich beim Urknall um die jederzeit mögliche Rückbesinnung auf die menschliche Fähigkeit, absolut unbeschwert, befreit von jeglichen Absichten oder Pflichten, einfach tief durchzuatmen und in völliger Offenheit gegenüber Zufällen und Begegnungen jeder Art ein paar aufrechte Schritte in die Welt hinaus zu tun.

Zum Beispiel hier auf Helvetias Platz.

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